Deutschland gilt als Land der Dichter und Denker. Sprießen also hierzulande die Ideen, und werden Innovationen richtig gefördert?

Felix Reinshagen, Gründer des Startups NavVis: Es gibt zwei Arten der Innovation: die sogenannte inkrementelle, also die erfinderische, etwa wenn es darum geht, durch eine Idee ein bestehendes Produkt schneller oder günstiger zu fertigen. Darin sind wir in Deutschland ziemlich gut. Bei der anderen Art, innovativ zu sein, geht es darum, eine neue Infrastruktur als Basis für neue Ideen und Geschäftsmodelle zu schaffen, etwa beim Stichwort „digitale Fabrik“. Hier könnten wir noch besser werden. Das Silicon Valley mit seinen großen Plattformen hat hier die Nase vorn. Wichtig für Innovationen ist meiner Meinung nach, die Grundlagen offen zur Verfügung zu stellen. Nur so können wir ein ganzes Ökosystem an neuen Ideen und Geschäftsmodellen etablieren, etwa im Bereich Industrie 4.0 und digitale Fabrik. Unsere Stärke liegt darin, das Physische mit dem Digitalen zu verbinden. Die Industrie, Produktion und Technologie mit dem Smartphone gewissermaßen.

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Sie haben mit dem Startup NavVis quasi das Navi für drinnen erfunden. Wie kommt man auf so eine geniale Idee?

NavVis in Kürze

NavVis ist eine Ausgründung der Technischen Universität München (TUM). 2013 gingen die Gründer Robert Huitl, Sebastian Hilsenbeck, Georg Schroth und Felix Reinshagen mit ihrer Idee der Indoor-Navigation an den Start. Das Startup zählt heute 135 Mitarbeiter und bietet neben der 3D-Kartierung von Gebäuden und der App zur Navigation für drinnen auch interaktive, ortsbezogene Dienste an.

Reinshagen: Für uns war das Kartografieren des Inneren von Gebäuden für die Indoor-Navigation eine logische Weiterentwicklung. Schließlich werden in Büros, Fabriken, Krankenhäusern, Einkaufszentren und im Einzelhandel rund 90 Prozent unseres Bruttosozialproduktes erwirtschaftet – und nur zehn Prozent draußen. Wir waren erstaunt, dass die Technik dort noch nicht eingesetzt wurde. NavVis will diese digitale Grundlagentechnologie in das Gebäude hineintragen. Wir haben dazu bei NavVis einen speziellen Trolley entwickelt, den wir mit hochauflösenden 360-Grad-Panorama-Kameras und Laserscannern ausgerüstet haben. Wird er durchs Gebäude geführt, kartografiert er einfach alles – jede Ecke, jeden Winkel, jeden Notausgang und jeden Feuerlöscher. Die aufgezeichneten Daten werden in einer Browser-basierten Software als Karte visualisiert und können für die Indoor-Navigation genutzt werden.

Es entsteht eine Art Karte für Innenräume. Was kann man mit dem System dann machen?

Reinshagen: Die App, die Karte und die Indoor-Navigation sind nur der Anfang. Wir haben mit unserer Innovation sozusagen das Thema aufgebrochen und festgestellt, dass sich dahinter ein ganzes Universum an weiteren Ideen und Themen verbirgt. Klar ist, zur Digitalisierung eines Gebäudes gehört mehr als die Erstellung einer hochwertigen Karte in 3D. Deswegen ist unser Geschäftsmodell viel breiter geworden und umfasst heute die komplette Technologie, die es braucht, um etwa die Bewirtschaftung eines Gebäudes zu digitalisieren. Das reicht von der Erstellung der Karte über den Softwarezugriff auf die gewonnenen Daten und deren Anreicherung bis zur ihrer Verknüpfung mit weiterer Software wie Facility-Systeme für Gebäudemanager.

Die NavVis-Gründer Pfadfinder für Innenräume: das NavVis-Gründer-Team (von links) Robert Huitl, Sebastian Hilsenbeck, Georg Schroth, Felix Reinshagen (© 2018 NaVis)

Möglicherweise ist vor Ihnen schon jemand auf die gleiche Idee gekommen, konnte oder wollte sie jedoch nicht umsetzen. Werden Erfinder und Gründer in Deutschland ausreichend unterstützt?

Reinshagen: Leider nicht. Oft kommen tolle Ideen aus dem Umfeld der universitären Forschung. Hier sind wir gut aufgestellt, aber leider sind wir nicht so gut darin, Ideen und Forschungsergebnisse auch in die Unternehmen hineinzubringen oder auszugründen. Wir sind auf einem guten Weg mit Mentorenprogrammen und universitären Gründungszentren wie etwa hier in München an der TUM, die uns gefördert haben. Man muss aber neidlos zugestehen: Hier können wir von den Amerikanern in Sachen Digitalisierung noch einiges lernen.

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Wie steht es um die Finanzierung von Startups?

Reinshagen: Das Thema Kapitalausstattung funktioniert nicht so gut, wie es sollte. Angel Investments entwickeln sich gut, weil die Investoren gesehen haben, dass man damit Geld verdienen kann. Auch das Thema Venture Capital kommt voran. Die Rahmenbedingungen für die Finanzierung von Startups könnten aber noch deutlich verbessert werden.

Ein zentraler Aspekt bei der Entwicklung neuer Diensten und Produkte ist eine exzellente Ausbildung. Sind deutsche Absolventen im weltweiten Vergleich gut aufgestellt?

Reinshagen: Leider ist in Deutschland die Ausbildung in den MINT-Fächern, insbesondere was das Programmieren angeht, schlecht. Es beginnt bereits in der Schule, wo Schüler keinen Code lernen. Dabei ist allen klar, wie wichtig das in Zukunft sein wird. Wenn wir keine Generation ausbilden, die das schon in der Schule lernt, werden wir uns natürlich später schwertun. Das muss dringend geändert werden.

Das Navi für drinnen Das Indoor-Navigationssystem von NavVis bietet als Herzstück einen Trolley, der mit Laserscannern und Kameras jeden Winkel von Räumen bis ins kleinste Detail abtasten kann. (© 2018 Navis)

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Was raten Sie anderen, damit sie ihre Innovation erfolgreich umsetzen können?

Reinshagen: Jede Innovation, egal ob es um Indoor-Navigation geht oder die digitale Fabrik oder eine andere Technologie, ist anders und braucht deswegen auch andere Voraussetzungen, um zum Durchbruch zu gelangen. Aber ein paar Dinge bleiben gleich: Bei echten Innovationen ist es immer so, dass Erfinder anfangs viel Skepsis erfahren. Auf die vermeintlich geniale Ideen hat ja normalerweise keiner gewartet. Als wir zum Beispiel losgelegt haben, war das Thema Hardware gerade out. Kein Venture-Kapitalgeber wollte etwas finanzieren, wo auch eine Hardwarekomponente dabei war. Es musste sich alles um Software drehen, um das Smartphone und am besten um eine App. Da braucht man natürlich viel Überzeugungskraft und viel Durchhaltevermögen. Wenn man selber überzeugt ist, dann ist das wichtigste Erfolgskriterium Durchhaltevermögen! Man wird vielen Menschen begegnen, die dagegenreden. Hier sollte man sich auf keinen Fall von seiner Idee abbringen lassen, sondern auch bei Gegenwind seinen Kurs halten!