Viele Worte, große Erwartungen

Wer Butter, Brot und Käse online shoppen will, hat in der Hauptstadt viele Möglichkeiten. „Wir besorgen’s ganz Berlin“, tönt EDEKAs Partnerunternehmen Bringmeister; „Sofa statt Kassenschlange: Kaufland bringt’s“, verspricht die Einzelhandelskette aus der Schwarz-Gruppe und „150 Mal in Berlin. Und mit unserem Lieferservice bis zur Tür“, wirbt Handelsriese REWE für sein Online-Angebot. Wem die Werbung bisher entgangen ist, der hat vielleicht schon die kurzzeitparkenden Lieferautos gesichtet – die wohl beste Eigenreklame.

Umfangreiches Sortiment für begrenztes Liefergebiet

Mit rollender Werbung punktet AmazonFresh derzeit nicht, ausgeliefert wird nämlich mit DHL – dafür mit dem Sortiment: 85.000 Artikel umfasst die Produktpalette, davon rund 6.000 Bioprodukte von Bioland, Demeter und Naturland. Dazu gehören auch frisches Fleisch, Obst und Gemüse sowie gekühlte Artikel. Zudem gibt es mehr als 100 regionale Produkte aus Berliner Lieblingsläden. Bestellungen bis 12 Uhr werden noch am selben Tag ausgeliefert, Bestellungen bis 23 Uhr kommen am nächsten Tag in einem ausgewählten Zwei-Stunden-Fenster. Das ist sportlich.

Florian Baumgartner will AmazonFresh deutschlandweit etablieren. Wann und wie? Ist noch unklar. Florian Baumgartner will AmazonFresh deutschlandweit etablieren. Wann und wie ist noch unklar. (© 2017 Quelle: Amazon)

Kühlschrank voll per Mausklick

Zum Vergleich: In einem Supermarkt wie Real bekommt der Kunde rund 60.000 Produkte. Das Angebot von AmazonFresh ist also üppig, vorerst aber nur Prime-Mitgliedern (69 Euro Jahresbeitrag) zugänglich. Sie erhalten AmazonFresh 30 Tage gratis und danach für 9,99 im Monat. Wer für mehr als 40 Euro einkauft, spart die Lieferkosten. AmazonFresh lohnt sich also, wenn man Wocheneinkäufe erledigen will. Genau das sei der Plan des Konzerns, so Florian Baumgartner, Deutschlandchef von AmazonFresh. Erfahrungen im Bereich Lebensmittelversand hat der Online-Gigant bereits in Amerika, England und Japan gesammelt.

Wettrennen mit Supermärkten

Doch die Konkurrenz schläft nicht. Die Lebensmittelkonzerne REWE und EDEKA haben bereits eigene Lieferdienste. Auch myTime.de oder die Post-Tochter AllyouneedFresh.de sind bereits feste Größen auf dem E-Food-Marktplatz. Bei Real kann man zwar online einkaufen, abholen muss man derzeit aber selbst. Der Lieferservice wird optimiert, heißt es auf der Website. Andere mischen lieber nicht mit. Lidl hat seine Online-Pläne für Lebensmittel wieder verworfen, ALDI hat gar nicht erst versucht, in das Internetgeschäft einzusteigen.

Die fünf umsatzstärksten Online-Shops mit Lebensmittel-Vollsortiment

(Quelle: EHI-Studie – E-Commerce-Markt Deutschland 2016)

So shoppen Deutsche ihre Nahrungsmittel

Laut der Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie (BVE) betrug der Umsatz des Lebensmittelhandels im letzten Jahr 195,5 Milliarden Euro. Dabei halten fünf Konzerne fast 75 Prozent des Marktanteils: diese sind EDEKA, REWE, Lidl, ALDI und METRO. Der Online-Marktanteil im Bereich Food liegt aber laut Handelsverband Deutschland (HDE) bisher bei lediglich 0,8 Prozent: Tendenz steigend. Aktuelle Untersuchungen haben gezeigt, der Online-Food-Bereich wächst deutlich stärker als die Non-Food-Sortimente.

Warengruppen mit überdurchschnittlichem Wachstum und geringem Onlineanteil (Auswahl)

Der Online Monitor 2017 vom Handelsverband Deutschland verrät, welche Warengruppen besonders gefragt sind. Der Online Monitor 2017 vom Handelsverband Deutschland verrät, welche Warengruppen besonders gefragt sind. (© 2017 )

Digitalisierung verändert Einkaufsgewohnheiten

Ein Grund für den noch sehr geringen Marktanteil des Online-Geschäfts ist sicher die hohe Dichte an Lebensmittelläden in Deutschland: Es sind 340 auf eine Million Einwohner. Einkaufen um die Ecke ist überall möglich. Im Zuge der Digitalisierung ändert sich aber das Konsumverhalten. Nach aktuellen HDE-Prognosen wird der Umsatz des Online-Handels 2017 insgesamt um rund zehn Prozent steigen. Per Internet kann heute jederzeit und von überall auf der Welt eingekauft werden. Doch mit dem Kauf ist die Ware noch lange nicht im Haus. Entscheidend ist die Lieferkette, vor allem bei Lebensmitteln.

Online-Shop oder Frischetheke

„Frisches Brot kaufe ich nach wie vor nur bei meinem Bäcker um die Ecke“, meint Jan Richter, 37, aus Berlin und seit mehr als zwei Jahren überzeugter Online-Shopper in Sachen Lebensmittel. Aufmerksam geworden sei er durch die Lieferfahrzeuge, Kunde ist er bei Bringmeister, getestet hat er aber auch REWE. „Ich erledige immer mittwochs meinen Wocheneinkauf. Bringmeister hat meine Favoriten schon gespeichert, ich schiebe nur noch in den Warenkorb, was gerade im Kühlschrank fehlt. Das ist praktisch, bequem und enorm zeitsparend.“

„Genau wie bei der Wahl eines Supermarktes hab ich mich für den am besten sortierten Online-Shop entschieden.“

Probleme mit der Frische oder der Qualität gab es bei ihm noch nie. Und gerade das ist die große Herausforderung beim E-Food, da die Kühlkette nicht unterbrochen werden darf. AmazonFresh verspricht seinen Kunden die Rückerstattung des Kaufpreises, wenn die Ware nicht ihren Erwartungen entspricht.

Das AmazonFresh-Depot ist proppenvoll mit frischem Obst und Gemüse. Das AmazonFresh-Depot ist proppenvoll mit frischem Obst und Gemüse. (© 2017 Quelle: Amazon)

Dank neuer Technologien boomt das Geschäft

Mit Lebensmitteln im Online-Sektor erfolgreich zu sein, ist nicht so leicht. Gründe: hoher Logistik- und Verpackungsaufwand, niedrige Margen, schnelle Lieferzeiten. Die EHI-Studie „Lebensmittel E-Commerce 2016“ zeigt, es gibt zudem noch viel in Bezug auf Nutzerfreundlichkeit zu tun. Wer den klassischen Supermarkteinkauf ins Internet überträgt, ohne die digitalen Möglichkeiten auszuschöpfen, verschenkt Potenzial. Intelligente Software für profitables Pricing ist ebenso hilfreich wie automatisierte Lagerung oder Datenerfassungssysteme für Lieferfahrzeuge. Die Firma „NOVUM – Das Gemüseabo“ liefert im Raum Mainz, Wiesbaden und Montabaur seit 1999 frisches Obst, Gemüse, Fleisch und andere Bioprodukte an die Haustür. Mit einer Machine-to-Machine-Lösung werden sämtliche Lieferwagendaten erfasst: Wo befindet sich der Bote, wie schnell fährt er, wann kommt er beim Kunden an? Das ermöglicht, Routen und Optionen zu vergleichen, Staus zu umfahren und die Produkte auf kürzestem Weg beim Kunden abzuliefern.

 Seit fast 20 Jahren ein Novum: das Gemüseabo für Menschen aus Mainz, Wiesbaden und Montabaur Seit fast 20 Jahren ein Novum: das Gemüseabo für Menschen aus Mainz, Wiesbaden und Montabaur (© 2017 )

Was bringt die Zukunft?

Die Zahlen zeigen, der E-Food-Markt wächst. Aber es gibt noch viel Spielraum, vor allem außerhalb der Ballungsräume. Wer ein Stück vom großen E-Commerce-Kuchen abhaben will, sollte mit kreativen Konzepten und durchdachten Strategien antreten. Es gibt Anbieter, die sich auf regionale Produkte spezialisieren, einige liefern umweltschonend mit Fahrrädern und Elektroautos aus, andere bieten ein großes Sortiment für verschiedene Ernährungsformen – glutenfrei, vegetarisch, vegan. Die ersten vollautomatisierten Abfertigungslager werden die Vorteile des Online-Versands bald noch stärker zeigen: kürzere Lagerfristen, mehr Frische, weniger Kundenkontakt. Vielleicht kennt man überreife Mangos ja bald nur noch aus dem Supermarkt.