FlixBus: Eine Idee nimmt Fahrt auf

Am Anfang gab es nur drei junge Leute in München und eine Vision, für die sie brannten. Dass 2013 schließlich die ersten Überlandverbindungen unter der Marke „FlixBus“ über die Straßen brausten, zeigt, dass frische Ideen ordentlich Fahrt aufnehmen können – wenn sie die richtige Unterstützung bekommen. Denn der Erfolg von FlixBus basiert auch auf den Kooperationen mit mittelständischen Busunternehmen. Während bei FlixBus die Tickets vermarktet und vertrieben wurden sowie das Fahrtennetz geplant wurde, übernahmen erfahrene Busunternehmen das Steuer. Laut André Schwämmlein, einer der Geschäftsführer von FlixBus, war es zu Beginn enorm wichtig, mittelständische Partner zu finden, die an die Idee glaubten und den Gründern vertrauten. Und dass sie vor allem die notwendige Flexibilität und Entscheidungsfreiheit für den sehr dynamischen Markt mitbrachten.

(© 2017 FlixMobility GmbH)

Heute ist die FlixMobility GmbH mit knapp 1.000 Mitarbeitern Marktführer auf dem deutschen Fernbusmarkt. Die riesige Flotte an renommierten Buspartnern zeigt: Die *Kooperation mit dem erfahrenen Mittelstand war und ist genau der richtige Weg.

Zwei verschiedene Welten, ein gemeinsames Ziel

Rund 56 Prozent trägt der deutsche Mittelstand zur Wirtschaftsleistung bei – er ist das Herzstück der hiesigen Wirtschaft und auch im internationalen Vergleich überdurchschnittlich erfolgreich. Gründe dafür sind hervorragendes technisches Know-how, exzellentes Personal, umfangreiche Erfahrung und langjährige Kundenbeziehungen. Doch wenn Startups auf Mittelständler treffen, prallen oft Welten aufeinander: unterschiedliche Lebensstile, unterschiedliche Unternehmensstrukturen. Startups stehen eher für Kreativität, Risikofreude und Flexibilität, für moderne und innovative Denkansätze. Sie setzen auf eine frische Unternehmenskultur mit flachen Hierarchien, die schnelle Entscheidungen ermöglichen und weniger Verwaltung erfordern.

Studie: Haben Sie Kontakt mit Startups in Ihrem geschäftlichen Umfeld?

(© 2017 Studie – Mittelstand meets Startup: Potenziale der Zusammenarbeit)

Mittelständische Unternehmen setzen vor allem auf ihre langjährige Erfahrung mit ihrem Produkt und ihrem speziellen Markt, interne Strukturen sind meist traditionell geprägt. Doch so gegensätzlich Mittelständler und Startups auch sind: Beide wollen ihr Produkt oder ihre Dienstleistung erfolgreich am Markt etablieren. Warum also nicht gemeinsame Sache machen? Denn beide Seiten können voneinander profitieren.

Transformation auf allen Ebenen

Gerade den Herausforderungen der Digitalisierung können mittelständische Unternehmen oft erfolgreich mit einer Startup-Partnerschaft begegnen. Frisch gegründete Startups liefern dem Mittelstand großen Mehrwert – in Form von Inspiration und frischen Ideen. Kooperationen mit jungen Tech-Unternehmen bieten die Chance, die Digitalisierung im Unternehmen weiter auszubauen und dadurch innovative Produkte, neue Vertriebswege oder neue Geschäftsmodelle zu erschließen. In vielen Bereichen haben junge Firmen bewiesen, dass sich mit disruptiven Ideen klassische Wertschöpfungsketten aufbrechen und optimieren lassen. Ein gutes Beispiel ist die innovative Technologie des Münchener Startups NavVis. Einer der Gründer brachte aus Stanford die Idee für eine kamerabasierte Navigation mit. An der Technischen Universität München (TUM) wurde diese weiterentwickelt und vollendet. Das Resultat: Ein Scan-Trolley auf Rädern, der eine fotorealistische und zentimetergenaue 3D-Kartierung von Innenräumen bietet, viel genauer und günstiger als bisher. Die Idee wurde patentiert und das leistungsstarke Navi für drinnen ging an den Start. 2017 hat die Telekom die NavVis-Technologie ins Produktportfolio aufgenommen und bietet nun ihren Kunden Indoor-Digitalisierung als integrierte Komplettlösung an.

Studie: Auswahlkriterien für eine (potenzielle) Zusammenarbeit

(© 2017 Studie – Mittelstand meets Startup: Potenziale der Zusammenarbeit)

Die Lage in Zahlen

Die positiven Effekte von Allianzen zwischen Tradition und Disruption sind belegt: Eine aktuelle Studie des RKW-Kompetenzzentrums hat aus dem Blickwinkel des Mittelstandes untersucht, welche Effekte und Wirkungen sich aus der Zusammenarbeit von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) mit Startups ergeben. Befragt wurden dafür 200 etablierte Mittelständler. Das Ergebnis: Rund 60 Prozent der KMU kennen Startups in ihrem geschäftlichen Umfeld, mehr als ein Drittel hat bereits Erfahrungen mit Kooperationen gemacht und ein Viertel von ihnen haben monatlich Kontakt zu Startups. Laut der Studie würden 95 Prozent der kooperationserfahrenen KMU erneut eine Partnerschaft mit Startups eingehen, wobei insbesondere die Informations- und Kommunikationsbranche hier großes Interesse zeigt. Es gibt viele gute Gründe für KMU, mit Startups zu kooperieren. Neue Technologien erschließen, Produktinnovationen entwickeln und Zugang zu neuen Märkten sind die am häufigsten genannten.

Studie: Welche der folgenden Trendthemen spielen für Ihr Unternehmen eine Rolle?

(© 2017 Studie – Mittelstand meets Startup: Potenziale der Zusammenarbeit)

Hip versus konservativ

Bevor man sich zusammentut, gilt es jedoch, einige Hürden zu bewältigen. Was sind die Ziele? Stimmt die Chemie zwischen den Partnern? Die RKW-Studie hat ergeben, dass eine persönliche Beziehung zum Startup-Gründer im Vorfeld eine wesentliche Grundbedingung für die Zusammenarbeit ist. Mittelständler bemängeln oftmals die unrealistischen Vorstellungen der Gründer. Die Startups klagen mitunter über mangelnde Innovationsfreude und Mut seitens der KMU. Im Grunde also die erwartbaren Vorurteile. Um gemeinsam erfolgreich zu sein, müssen sie überwunden werden. Das bedeutet in der Praxis: Offenheit für verschiedene Kooperationsformen, die Ziele der Zusammenarbeit möglichst realistisch einschätzen und die Partnerschaft aktiv pflegen.

Vier verschiedene Kooperationsformen (laut RKW)
  1. Entwicklungspartnerschaft: dient der Generierung neuer Ideen und Produkte
  2. Zulieferbündnis: ein Partner liefert dem anderen Produktkomponenten
  3. Vertriebskooperation: der Mittelständler nimmt Produkte von Startups ins Sortiment
  4. Klassisches Kundenverhältnis: KMU nutzt Produkte bzw. Dienstleistungen des Startups

Zusammenbringen, was zusammengehört

Damit beide Seiten schneller zueinanderfinden, haben sich mittlerweile diverse Unterstützungsformate etabliert. Zum Beispiel die Plattform „NewConnect“ – eine gemeinsame Initiative der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) und dem Bundesverband Deutsche Startups. „Wir sind überzeugt, dass Kooperationen zwischen etablierten Unternehmen und Startups die Innovationskraft und Wettbewerbsstärke beider Seiten erhöhen können. Diese Kooperationen wollen wir mit NewConnect voranbringen, indem wir auf der Plattform geeignete Partner zusammenführen“, so Madlen Dietrich, Referatsleiterin beim UVB. Auch die Telekom fungiert mit ihrem Startup-Programm „TechBoost“ als Brückenbauer zwischen Mittelstand und Startups. Hier erhalten junge Unternehmen nicht nur finanzielle Unterstützung und Vertriebs- und Marketingsupport, sondern es winken auch Vertriebskooperationen oder gemeinsame Geschäftsmodelle.

Wegbereiter und Wegbegleiter

Das mittelständische Unternehmen Schleicher Electronic aus Berlin, das mit seinen Steuerungssystemen echte Industrie 4.0-Lösungen für den Maschinen- und Anlagenbau entwickelt, betreibt seit 2014 sogar einen eigenen Inkubator für Startups: die Schleicher Incubator Zoom Zone Labs – kurz SIZZL. Hier können Elektronik-Hardware-Startups ihre Produkte in einem professionellen Umfeld entwickeln und das Know-how der Profis von Schleicher Electronic nutzen. Eine Win-win-Situation für beide Seiten. Schleicher Electronic erschließt geeignete Tech-Startups als Kunden und schöpft aus deren Spirit. Die jungen Unternehmer dagegen werden auf dem Weg zur Marktreife von einem erfahrenen Entwicklungs- und Produktionspartner unterstützt. Die volasystems GmbH ist eines ihrer Küken, das bereits mit seinen mehrfach ausgezeichneten LED-Beleuchtungsmodulen am Markt erfolgreich ist.

Was bringt die Zukunft?

Dieses und viele andere Beispiele belegen: Kooperationen zwischen Mittelstand und Startups lohnen sich – und zwar für beide Seiten. Die RKW-Studie zeigt aber auch: Mit steigender Größe nimmt die Kooperationsbereitschaft bei KMU ab. Und: Von den Mittelständlern, die ihre Geschäftslage als eher schlecht bezeichneten, kooperiert überraschenderweise niemand mit jungen Startups. Dabei könnten gerade diese Unternehmen mit den frischen Ideen, neuen Technologien und der Flexibilität von Startups den neuen Schwung erhalten, den sie so dringend benötigen.