Ungezählte Stellenanzeigen – Resonanz gleich null: Als Josef Scheiber sein 2013 gegründetes Startup BioVariance in München ansiedeln will und in der bayerischen Landeshauptstadt nach geeigneten Software-Entwicklern sucht, ist die Ernüchterung groß: „Als Neugründer ist es fast unmöglich, in München an gute Software-Entwickler zu kommen“, sagt der promovierte Bioinformatiker. „Aufgrund der großen Konkurrenz ist der Markt fast abgegrast.“

Keine guten Startbedingungen für ein
Startup, das auf hoch qualifizierte Programmierer angewiesen ist. Das Geschäftsziel: Jeder Patient soll mittels genetischer Analyse exakt die Medikamente bekommen, die zu seinem Körper passen. Über eine App spielt BioVariance Ärzten und Apothekern Infos aufs Handy, die sie bei der Dosierung von Pillen und Tropfen unterstützen.

Von den USA in die Oberpfalz

Scheibers Rettung ist der Rat eines Freunds: „Komm doch heim in die Oberpfalz.“ Also zieht Scheiber nach Stationen bei Weltkonzernen wie Roche und Novartis in den USA sowie der Schweiz zurück nach Waldsassen in der Oberpfalz. Dahin, wo schon Goethe bei einem Zwischenstopp auf seiner Italienreise den „schönen Wiesengrund“ lobte. Tatsächlich gehört der 7.000-Seelen-Ort im in den letzten Jahren wirtschaftlich deutlich erstarkten Landkreis Tirschenreuth zu den attraktiveren Flecken Deutschlands. Nicht nur in landschaftlicher Hinsicht: Waldsassen liegt nur wenige Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt, ist ebenso gut ans Bahn- wie ans Autobahnnetz angebunden. „In 90 Minuten bin ich in München“, sagt Scheiber. Auch Prag und Nürnberg sind nicht weit, Tagestermine selbst in Berlin oder Frankfurt kein Problem.

Dafür sind die Mieten attraktiver: „Büros in München sind halb so groß, kosten aber das Fünffache“, sagt Schreiber. „Außerdem gibt es hier Fachhochschulen und EDV-Schulen, die hervorragende Experten ausbilden. Diese sind glücklicherweise häufig in der Region verwurzelt.“ Auch, weil Startups hier unterstützt werden: etwa mit Inkubatoren wie dem Gründungszentrum, wo Scheiber mit BioVariance mittlerweile 21 Mitarbeiter beschäftigt, zusätzlich vom Telekom Programm TechBoost gefördert wird und „ganz flexibel wachsen kann.“

Checkliste: Gründen in der Provinz
  • Ist die Region gut vernetzt – was die Verkehrsanbindung und den Breitbandausbau betrifft?
  • Gibt es ein Gründerklima? Bieten Gründerzentren und Inkubatoren vor Ort Unterstützung?
  • Existiert in der Gründerförderung eine intensive Zusammenarbeit zwischen der regionalen Wirtschaft, der Stadt oder dem Landkreis, den Kammern und Institutionen?
  • Besteht die Chance auf Fördermittel, Risikokapital oder Technologiefonds für Startups, die sich in der Region niederlassen?
  • Gibt es Universitäten und Fachhochschulen in der Nähe?
  • Findet sich ein funktionierendes Netzwerk an Gleichgesinnten?

Günstiger und besser

Günstigere Büromieten und ein niedrigeres Lohnniveau als in den Metropolen, dennoch hoch loyale Mitarbeiter, exzellente Verkehrsanbindungen und ein dichter Kranz von Universitäten und Fachhochschulen rundherum, dazu ein engmaschiges Netzwerk wertvoller persönlicher Kontakte: Statt in Metropolen wie Berlin oder Hamburg, München, Frankfurt oder Köln lassen sich junge Unternehmer wie Josef Scheiber auf der Suche nach einem idealen Standort immer häufiger in der Provinz nieder.

Zugegeben: Noch konzentrieren sich 60,3 Prozent der Neugründungen auf die fünf Metropolen Berlin, München, Hamburg, Köln und Frankfurt. Deutschlands Hauptstadt liegt mit 17 Prozent der Startup-Gründungen im Startup-Monitor 2016 weiterhin vorn. Und natürlich erfüllen viele Gründer und ihre Mitarbeiter weiterhin das Klischee: Wer tagsüber Konzerne als Kooperationspartner gewinnen will und Ideen tanzen lässt, möchte abends eben ins Berliner Berghain, in eine schicke Münchner Bar oder in Hamburg durchs Szeneviertel St. Pauli ziehen.

Oldenburg schlägt Hamburg

Doch umgekehrt gilt eben auch: Fast 40 Prozent der neuen Ideenschmieden entstehen dort, wo man die jungen Hippen und innovationsstarken Nerds eher nicht vermuten würde – etwa in der Region Hannover/Oldenburg, mit 6,9 Prozent der Startup-Gründungen knapp hinter München (7 Prozent) und noch vor Hamburg (6,4 Prozent). Hinzu kommt: Rund 34 Prozent der Anfragen nach Venture-Capital kommen inzwischen aus der deutschen Provinz. „Die Regionen werden stärker, was die Quantität, aber auch was das Potenzial angeht“, zitiert die Welt Paul Wolter vom Bundesverband Deutsche Startups. Olaf Jacobi, Managing Partner der Unternehmensberatung Capnamic Ventures, sieht in der steigenden Anzahl an Anfragen aus kleineren Städten den Beweis, „dass Startups kein urbanes Phänomen mehr sind. Deutschland wird wirklich Startup-Land.“

Die neuen Ideenschmieden entstehen dort, wo man die jungen Hippen und innovationsstarken Nerds eher nicht vermuten würde. Die neuen Ideenschmieden entstehen dort, wo man die jungen Hippen und innovationsstarken Nerds eher nicht vermuten würde. (© 2017 Telekom)

Vorbild Mittelstand

Erfolgreiche Vorbilder für diese Entwicklung gibt es reichlich. Made in Germany – das bedeutete schon immer: made in überall, selbstverständlich auch in der deutschen Provinz. Da, wo seit jeher Dutzende Hidden Champions zu Hause sind: Der Landmaschinenhersteller Claas sitzt in Harsewinkel, Mikrofonspezialist Sennheiser in Wedemark-Wennebostel, Werkzeugmaschinenexperte Trumpf in Ditzingen und der Schraubenkönig Würth, führender Handelskonzern für Befestigungs- und Montagematerial, in Künzelsau. Sie alle bekennen sich zu ihrem Landstrich, obwohl ihr Heimatmarkt längst die ganze Welt ist. Klar, Provinz ist dort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Aber eben auch da, wo fast 70 Prozent der deutschen Weltmarktführer sitzen. In Deutschland seien rund zehn Prozent der Beschäftigten in wissensintensiven Industrien tätig, geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen hervor, „Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Räumen fallen dabei relativ gering aus.“

Erfolgreiche Vorbilder für die Startups finden sich im deutschen Mittelstand. Erfolgreiche Vorbilder für die Startups finden sich im deutschen Mittelstand. (© 2017 Telekom)

Künstliche Intelligenz aus Köngen

Die Erfahrung hat auch Stefan Soehnle gemacht, einer der Gründer von 5Analytics. Das Unternehmen, ebenfalls im Startup-Programm TechBoost, entwickelt seit 2016 Software, die Künstliche Intelligenz in Unternehmensprozesse integriert. Zum Beispiel für die vorausschauende Wartung, zur aktiven Prozesssteuerung oder für ein dynamisches Preismanagement. Hauptsitz: Köngen bei Esslingen. Für Soehnle ideal, weil nur einen Katzensprung von Stuttgart entfernt, wo er und Mitgründer Sebastian Klenk studiert haben und über gute Kontakte verfügen. Gerade diese Netzwerke sind wichtig in der Startphase. Aufgrund kurzer Wege und persönlicher Bekanntschaften lassen sich manche Kontakte auf dem Land oder in Kleinstädten schneller knüpfen. „Hier kenne ich den Bankberater“, sagt Scheiber, „oder die Vertreter regionaler Firmen, mit denen ich gemeinsame Projekte aufziehen möchte.“ Und die großen Netzwerk- und Investorentreffen in Berlin und anderen Metropolen? Nehmen die jungen Gründer trotzdem mit. „Wir sind ja nicht aus der Welt“, sagt Soehnle, „nur weil wir nicht in den Metropolen sitzen.“

Heimatliebe im Coworking Space

Ohnehin sei Köngen zwar auch aus Heimatverbundenheit der Firmensitz, „aber letztlich können unsere Mitarbeiter überall arbeiten“. Bei Bedarf mietet 5Analytics dann einfach einen Coworking Space vor Ort an – erfolgreich praktiziert in Stuttgart und Düsseldorf. Auch BioVariance-Gründer Scheiber hat inzwischen ein zweites Büro aufgemacht – in München. Es ist eben nur eine Frage der Zeit, bis die Provinz ihren Erfolg auch in die Metropolen trägt.

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