Wer bei einer Bank ein Konto eröffnen will, muss in der Regel einen Termin mit der nächstgelegenen Filiale vereinbaren. Und dafür zahlreiche Dokumente mitbringen – sowie eine Menge Zeit und ganz viel Geduld: Es braucht, das schätzen erfahrene Banker, viele Einzelschritte und insgesamt schon mal bis zu acht Stunden, bis ein Kunde sein Konto gewechselt und alle Daten der Zahlungspartner auf das neue Konto übertragen hat. Ein Aufwand, der viele potenzielle Neukunden vor einem Bankwechsel zurückschrecken lässt. Und eine Erfahrung, die auch Florian Christ in seiner Filiale oft machte. „Zu oft“, wie der Banker sagt, der viele Jahre als Vice President Business Development für ein großes deutsches Geldhaus arbeitete. Christ war überzeugt: Das muss einfacher gehen.

Also setzte er sich an einem Wochenende Anfang 2015 hin und fing an zu programmieren. „Alle Prozesse, die für einen Kontowechsel nötig sind – etwa eine digitale Unterschrift – habe ich in einem Programm zusammengefasst“, sagt IT-Experte Christ. Keine 48 Stunden später hatte er das Programm abgeschlossen – und den Aufwand für einen Kontowechsel auf zehn Minuten gedrückt. Ganz ohne Papierkrieg.

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Startup fino digitalisiert den Finanzsektor

Das Programmier-Wochenende vereinfachte nicht nur den Kontowechsel, es war auch der Startpunkt für Christs Startup fino – und sein Ende als Projektmanager in der Bankfiliale. Knapp 60 Mitarbeiter beschäftigt Jungunternehmer Christ inzwischen. Sein Ziel: Banken, Unternehmen, Versicherungen und Endkunden mit digitalen Services rund ums Konto zu unterstützen. Damit reagiert fino auf einen Trend: In Europa haben sich die Investitionen in Fintechs vom ersten zum zweiten Quartal 2017 auf mehr als zwei Milliarden Dollar verdoppelt, wie eine aktuelle Studie des Beratungsunternehmens KPMG zeigt. Weil Unternehmen an ihre disruptive Kraft glauben. Aber auch, weil Banken selbst vermehrt auf digitale Dienstleistungen setzen – um Kosten zu sparen und schneller auf Kundenwünsche reagieren zu können.

„TechBoost“-Programm der Telekom

Das Förderprogramm der Telekom richtet sich an Startups in Deutschland, die ihren Fokus auf digitale Lösungen richten. Sie erhalten 100.000 Euro Guthaben für skalierbare IT-Ressourcen in der Open Telekom Cloud sowie rabattierte Mobilfunk- und Festnetz-Datentarife. Das Ziel: Startups mit einer fertigen IT-Infrastruktur sowie Vertriebs- und Marketing-Know-how zu unterstützten. So können die Jungunternehmer sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren.

Für Christs Kunden war Schnelligkeit auch beim Kontowechsel ausschlaggebend. „Dieser Service ist immer noch der Treiber von fino“, sagt er. Mittlerweile bietet das hessische Startup seinen 300 Partnern weitere Dienstleistungen an. Etwa die digitale Kontoanalyse: Ein Tool beobachtet die Kontobewegungen des Kunden und leitet daraus konkrete Empfehlungen ab – zum Beispiel ein Haus zu kaufen: „Erhält ein Kunde etwa eine Gehaltserhöhung und zahlt jeden Monat viel Geld für die Miete, können wir ihn mithilfe einer digitalen Kontoanalyse darauf hinweisen, dass sich der Kauf einer Immobilie für ihn lohnt.“

Auch bei der Entwicklung neuer Angebote – Stichwort digitaler Kreditantrag – hält Christ das Tempo hoch. fino hat ausschließlich Lösungen im Portfolio, die die Mitarbeiter innerhalb von drei Monaten programmieren können. „Dauert die Entwicklung eines Produkts länger, ist es oft zu groß und geht am Kundennutzen vorbei“, sagt Christ. Seine Kunden behandelt er nach dem Prinzip „Fair Share“: Zahlen müssen sie erst, wenn ein Service, zum Beispiel der Kontowechsel, komplett abgeschlossen ist.

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Startups aus der Finanzwelt

Fintechs sind auf dem Vormarsch. Das Interesse an digitalen Dienstleistungen im Finanzsektor wächst, und immer mehr Startups vereinfachen die Geschäfte von Banken und Kunden. Wie FastBill. Das Frankfurter Startup hat ein Tool entwickelt, das die Buchhaltung von Unternehmen automatisiert und beispielsweise Zahlungen und Belege miteinander verknüpft. Der Nutzer kann Angebote und Rechnungen in Sekunden als PDF erstellen, Belege erfassen und damit den Überblick über aktuelle Zahlungen und Fälligkeiten behalten – und den Monatsreport mit einem Klick an den Steuerberater weiterleiten, ohne dafür ein anderes Tool benutzen zu müssen. Dafür beziehen die Gründer René Maudrich und Christian Häfner, die auch Teil des TechBoost-Programms sind, IT-Ressourcen aus der Open Telekom Cloud.

Weitere Fintech-Startups:

  • Quirion: digitaler Anlageberater
  • FinCompare: Vergleichsplattform für Unternehmens-finanzierungen
  • Kreditech: bessere Finanzierungs-möglichkeiten
  • Figo: Schnittstelle für Banking-Funktionen

Umsatz mehr als verdoppelt

Die Kontoanalyse – eine Art digitaler Bankberater – kontrolliert auch die monatlichen Abrechnungen. Sie schlägt Alarm, wenn der Stromanbieter einen zu hohen Betrag abgebucht hat oder das Geld von einer Retoure noch nicht eingegangen ist. „Die meisten Kunden kontrollieren die regelmäßigen Abbuchungen gar nicht“, sagt Christ. „Sie verlassen sich darauf, dass alles richtig ist. Kontrolle ist in diesem Fall aber besser, am Ende sparen die Kunden damit Geld.“

Dass die Kunden für diesen Service ihre Kontodaten preisgeben müssen, schreckt nur wenige ab. Im Gegenteil: Die Bereitschaft dafür ist hoch. Laut einer aktuellen Studie von PricewaterhouseCoopers sind mehr als die Hälfte der Deutschen bereit, ihre Kontodaten für Drittanbieter offenzulegen, wenn sie dafür einen Gegenwert erhalten. Bei den unter 30-Jährigen sind es sogar 86 Prozent. Und Christs Kunden sind zufrieden mit dem Datenschutz bei fino, weil die Open Telekom Cloud die aktuellsten Sicherheits- und Datenschutzanforderungen erfüllt. Das zeigen auch die Zahlen: Das Unternehmen aus Kassel verbuchte 2017 einen Umsatz von mehr als vier Millionen Euro – mehr als doppelt so viel wie noch im gesamten Jahr 2016.

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Kooperation mit der Telekom

Für seine digitalen Services nutzt das Startup die Open Telekom Cloud. Der Kontakt zur Telekom hat sich über das „TechBoost“-Programm ergeben. „Neben den IT-Ressourcen in der Cloud profitieren wir vor allem vom großen Netzwerk der Telekom“, sagt Christ. „Darüber konnten wir schon viele wertvolle Kontakte knüpfen und neue Kunden hinzugewinnen.“