Die neue Bank

Überweisungen, Kreditanfragen, Kontowechsel – heute wollen Kunden ihre Bankgeschäfte bequem mit dem Smartphone erledigen. Startups mit digitalen Geschäftsmodellen, sogenannte FinTechs, kommen diesem Wunsch entgegen und entwickeln innovative Lösungen, von Banking-Apps über Online-Kreditvergleiche bis zur automatisierten Anlageberatung, dem sogenannten Robo-Advisor.

Wie groß ist eigentlich die Startup-Nische FinTech? Deutschlandweit hat das Gutachten des Bundesfinanzministeriums von Oktober 2016 „FinTech – Markt in Deutschland“ 433 Startups ausgemacht, von denen 346 eine aktive Geschäftstätigkeit aufwiesen. Der Rest war entweder vor 2016 noch nicht aktiv oder hatte seine Geschäftstätigkeit bereits eingestellt. Innerhalb Europas liegt der deutsche FinTech-Markt nach Großbritannien auf dem zweiten Platz.

Übersicht deutsche FinTech-Unternehmen Übersicht deutsche FinTech-Unternehmen: Das Bundesfinanzministerium hat im Oktober 2016 433 FinTech-Unternehmen in Deutschland ausgemacht. (© 2017 Bundesfinanzministerium)

Auch die Old Economy setzt auf FinTech

Anders als noch vor Jahren vermutet, graben die Newcomer den traditionellen Banken jedoch nicht das Wasser ab. Die etablierten Banken und Sparkassen haben vorgesorgt: Nach Ergebnissen des „Branchenkompass Banking 2017“ von Sopra Steria Consulting und dem F.A.Z.-Institut hat rund jedes vierte der befragten 103 Bankhäuser selbst ein FinTech gegründet, etwa als eine selbstständige Digitaleinheit unter dem Konzerndach oder als komplett losgelöste Marke. Weitere 61 Prozent der Institute arbeiten bereits mit einem FinTech- Unternehmen zusammen.

Die Fintech Week in Kürze

Die Fintech Week Hamburg bildet den Rahmen für ein vielfältiges Programm unterschiedlicher Experten aus FinTechs, Banken und Unternehmensberatungen. Um das Thema FinTech gemeinsam nach vorn zu bringen, trifft sich die Szene ab dem 6. November eine Woche lang in zahlreichen Veranstaltungen vornehmlich im betahaus Hamburg zum Erfahrungsaustausch, Netzwerken und voneinander Lernen. Auf dem Programm stehen unter anderem die Themen Artificial Intelligence, API, Blockchain und wie traditionellen Banken mit Unterstützung der FinTechs die Digitalisierung und Automatisierung ihrer Prozesse gelingt. Die Fintech Week Hamburg wird von dem Fachmedium finletter und dem betahaus Hamburg ausgerichtet und von der comdirect bank als Sponsor unterstützt.

„Der Markt ist sehr schnell“, erklärt Stefan Lamprecht von Sopra Steria Consulting die große Bereitschaft zur Zusammenarbeit. „Weil es ungewiss ist, welche Produkte sich durchsetzen und vom Kunden akzeptiert werden, sind dank Kooperationen kurzfristige Wechsel der Anbieter und der Technologien je nach Marktentwicklung steuerbar“, sagt er.

Clas Beese, Mitinitiator der Fintech Week, dem Branchentreff von alter und neuer Finanzwelt, die im November bereits zum zweiten Mal in Hamburg stattfindet, macht zwei Trends bei den FinTechs aus: Mobile Banking und Rebundling. „Bankprodukte wandern zunehmend aufs Smartphone und so direkt in die Hand der Kunden“, erklärt der Branchenexperte. „Doch Kunden wollen nicht 20 verschiedene Apps für alle möglichen Produkte haben, sondern wollen lieber über eine Plattform auf mehrere zugreifen.“ Das bietet beispielsweise N26 (siehe Startup-Monitor im Mai 2017).

Es bleibt spannend, welche Neuentwicklungen und Kooperationen sich ergeben. Immerhin geht das FinTech-Gutachten in seinem Basisszenario von einem Gesamtmarktvolumen im Bereich Finanzierung und Vermögensmanagement von 58 Milliarden Euro im Jahr 2020 und 97 Milliarden Euro im Jahr 2025 aus. Bis 2035 könnte der Markt sogar ein Volumen von bis zu 148 Milliarden Euro erreichen.

Sechs FinTech-Startups, die man kennen sollte

01: fino digital: Digitale Lösungen für die Finanzbranche
Die fino digital GmbH wurde 2015 von Florian Christ im Kasseler Science Park gegründet und zählt heute rund 50 Mitarbeiter. Nach fünf Monaten Entwicklungszeit stellte sie den ersten vollautomatisierten und intelligenten Kontowechsel der Branche online. Das funktioniert online, mobil und auch in der Filiale. fino bietet insgesamt zehn Produkte an, wie den Wechsel von Depots und Kreditkarten, die Möglichkeit, die Bonität in Echtzeit zu prüfen sowie die Verwaltung und Optimierung von Verträgen im sogenannten Vertragscoach. Zu den Partnern zählen inzwischen über 200 Banken.
fino.digital
Teilnehmer bei TechBoost, dem Startup-Programm der Deutschen Telekom

Florian Christ Fino digital-Gründer Florian Christ, fino digital-Gründer (© 2017 Nicolai Schneider)

02: Kreditech: Bessere Finanzierungsmöglichkeiten
Die 2012 in Hamburg gegründete Kreditech bietet ihren Kunden mithilfe von Machine Learning bessere Finanzierungsmöglichkeiten an. Das Startup steht unter der Führung von CEO und Mitgründer Alexander Graubner-Müller und wird von Investoren wie J.C. Flowers, Peter Thiel sowie der IFC-Weltbank unterstützt. Das Produktangebot umfasst Privatkredite, eine digitale Geldbörse und einen persönlichen Finanzmanager, mit dem Kunden ihre Bonität und ihre Finanzen managen können, sowie ein „Kredit als Dienstleistung“-Modell, bei dem Partner die Kreditech-Produkte in ihr Angebot integrieren können.
www.kreditech.com

03: quirion: Automatische Anlageberatung
Das Berliner Startup wurde im November 2013 von Karl Matthäus Schmidt, dem Vorstandsvorsitzenden der Quirin Privatbank AG gegründet und gilt als Pionier des Robo-Advisors. Anlageberatungen sind bereits ab 10.000 Euro möglich. quirion betreut rund 500 Depots mit einem Gesamtvolumen von mehr als 18 Millionen Euro. Die Online-Anlageplattform wurde als „Bestes FinTech Startup 2015“ ausgezeichnet.
www.quirion.de

04: Xtech: Maschinen bezahlen Maschinen
Kian Schreiber, Christian Gorgas, Arndt Weißhuhn gründeten 2016 Xtech, die Bezahl- und Transaktionsplattform auf Basis der Blockchain-Technik. Diese garantiert für die Sicherheit der Transaktion und funktioniert auch zwischen Maschinen, etwa zum Bezahlen des Stroms an E-Auto-Ladesäulen. Dabei lädt der Autobesitzer sein digitales Portemonnaie zuvor auf. Die Transaktion von Geld gegen Strom findet dann zwischen Ladesäule und E-Auto statt. Eingesetzt wird die Xtech-Plattform bereits auf der Plattform Share & Charge. Partner sind das Energie-Startup innogy und die Hamburger Sutor Bank.
www.xtech.ai

Xtech-Gründer Die Xtech-Gründer Kian Schreiber, Christian Gorgas, Arndt Weißhuhn (von links nach rechts) (© 2017 Xtech)

05: FinCompare: Vergleichsplattform für Unternehmensfinanzierungen
Im Februar 2017 gründeten Stephan Heller und Nicolay Ofner in Berlin ihre Online-Finanzierungsplattform FinCompare für kleine und mittelständische Unternehmen mit einem Finanzierungsbedarf ab 10.000 Euro. Unternehmen können – unabhängig und kostenlos – deutschlandweit Angebote von Banken, FinTechs und Finanzdienstleistern vergleichen und Finanzierungen abschließen.
www.fincompare.de

FinCompare-CEO Stephan Heller FinCompare-CEO Stephan Heller (© FinCompare)

06: FastBill: Digitale Buchhaltung
Die FastBill GmbH, 2011 von René Maudrich und Christian Häfner gegründet, gilt als Pionier in webbasiertem Finanzmanagement und in der Buchhaltung kleiner Unternehmen und Selbstständiger. Durch die Integration von Rechnungswesen, Echtzeit-Banking und Assistenzsystemen in einem einfachen User Interface haben Nutzer die Liquidität im Überblick, erhalten ihr Geld schneller und übertragen Belege per Knopfdruck digital an ihren Steuerberater. Alle Daten werden unter hohen Sicherheitsstandards in deutschen Rechenzentren gesetzeskonform verarbeitet. Zu den rund 40.000 Kunden zählen Gründer, etablierte Unternehmen, kleine Agenturen und Web-Shops. 2014 wurde FastBill mit dem German Design Award und dem Internet Startup Award des Verbands der deutschen Internetwirtschaft e.V. und des Bundesverbands Deutsche Startups e.V. ausgezeichnet. Das Startup mit Sitz in Frankfurt am Main beschäftigt 45 Mitarbeiter.
www.fastbill.com
Teilnehmer bei TechBoost, dem Startup-Programm der Deutschen Telekom

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