Deutschland bekommt einen neuen Startup-Hotspot

Die Fakten machen Hoffnung: Die deutsche Startup-Szene weitet sich aus. Nach den Ballungsgebieten Berlin, Rhein-Ruhr, Stuttgart und Karlsruhe, München und Hamburg zählt jetzt auch die Region Oldenburg und Hannover als Gründerland. Das zeigt die aktuelle Marktbefragung des Bundesverbands Deutsche Startups. Zudem steigt der Anteil weiblicher Gründer (rund 14 Prozent) und der Anteil von Mitarbeitern ohne deutschen Pass klettert auf 30 Prozent. Die Szene wird deutlich internationaler.

Doch welche von den vielen Gründerideen hat das Zeug, das nächste „heiße Ding“ zu werden? Keine leichte Antwort, selbst für Branchenprofis wie Florian Nöll, Vorsitzender des Bundesverbands Deutsche Startups in Berlin. „Wenn man sich die Entwicklung in den vergangenen 15 Jahren anschaut“, sagt er, „dann entwickelt sich alles in Wellenbewegungen, alles geht mal auf und dann wieder ab. In der Frühphase in Deutschland beispielsweise war die E-Commerce-Branche eine tragende Säule des Ökosystems. Mittlerweile werden nur noch sehr wenige E-Commerce-Startups gegründet“, stellt der Fachmann fest.

Deutscher Startupverband Der deutsche Startupverband in Berlin hat Künstliche Intelligenz (KI), Machine Learning und die Digitalisierung der Versicherungsbranche als neue Treiber der Startup-Szene ausgemacht. (© 2017 Deutscher Startupverband )

 

Die Versicherungsbranche wird zunehmend digitalisiert

Vor wenigen Jahren waren sogenannte Fintechs angesagt. Gründungen, die mit innovativen Ideen rund um die Finanzwelt herkömmliche Banken herausforderten und den Geldmarkt grundlegend verändern wollten. Als Erfolgsbeispiel gilt N26, die mobile Bank fürs Smartphone, ausgelegt für eine junge Zielgruppe, die nicht mehr in die Filiale zum Bankberater geht. Inzwischen zählt das Berliner Startup mit Banklizenz rund 300.000 Kunden in mehreren Ländern Europas. Kunden können, so der Werbeslogan, in acht Minuten ihr „Konto to go“ einrichten. Seit April folgen auch Freelancer und Selbstständige: Sie können unter N26 Business ihre geschäftlichen Finanzen abwickeln.

Alexander Hüsing, Gründer und Chefredakteur der Plattform Deutsche Startups, beobachtet, wie aktuell die Versicherungsbranche zunehmend digitalisiert wird. „Bislang war das InsureTech-Segment eher so etwas wie der digitale Herr Kaiser, also eigentlich nur eine Website“, sagt Hüsing. „Die Startups hatten sich anfangs darauf spezialisiert, Versicherungen zu vergleichen und Kunden zu vermitteln.“ Jetzt gehen sie dazu über, das komplette Versicherungsgeschäft zu digitalisieren. „Sie nutzen es weidlich aus, dass die großen Versicherer junge Menschen, die neue Versicherungen abschließen, über ihre traditionellen Kanäle überhaupt nicht mehr erreichen“, erklärt er. Startups wie Ottonova (Claim: „Die digitale Krankenversicherung der Zukunft“) vermitteln nicht mehr, sondern treten als eigene, private Krankenversicherung im Markt auf. Die Herausforderer entstehen nicht von heute auf morgen, sie brauchen lange Vorlaufzeiten und müssen viele lizenzrechtliche Bestimmungen erfüllen. „Deshalb sind die Gründer meist auch keine 25-jährigen WHU-Absolventen, sondern erfahrene Profis aus der Branche“, weiß Hüsing.

 

Künstliche Intelligenz und Machine Learning: Gründer drängen auf den Markt

Neben Fintech und Versicherungsbranche beobachten die Experten Nöll und Hüsing mehr und mehr Startups, deren Geschäftsmodelle auf Künstlicher Intelligenz und Machine Learning basieren. Im Bereich Künstliche Intelligenz drängen viele Neugründungen auf den Markt, rund 60 Firmen allein in Deutschland, vornehmlich in Karlsruhe und München.

Auch nach Einschätzung der Berater von McKinsey wird Künstliche Intelligenz zum Wachstumsmotor für die deutsche Industrie. Bis 2030, rechnen die Berater vor, kann das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands durch den frühen und konsequenten Einsatz von intelligenten Robotern und selbstlernenden Computern um bis zu vier Prozent (oder umgerechnet 160 Milliarden Euro) höher liegen als ohne den gezielten Einsatz von KI.

„Nicht nur volkswirtschaftlich, auch aus Sicht der Unternehmen verspricht KI Vorteile“, erklärt Harald Bauer, Seniorpartner im Frankfurter Büro von McKinsey. „Selbstlernende Algorithmen sorgen beispielsweise dafür, dass Computer Bilder immer besser erkennen und schneller einordnen können. KI ermöglicht den Unternehmen komplett neue Geschäftsfelder“, erklärt der McKinsey-Manager.

Lag die Fehlerrate bei computergestützter Bilderkennung 2010 noch bei 28 Prozent, waren es 2016 weniger als fünf Prozent. Das macht sich etwa die Firma TerraLoupe zunutze: Mittels Künstlicher Intelligenz will das Münchner Startup aus gewöhnlichen Luftbildern die digitalen Informationen von Objekten herausarbeiten. Die Algorithmen erkennen auch Straßenkurven und Ampeln. Das könnte sogar die Grundlage für selbstfahrende Autos hierzulande sein.

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Website des Bundesverbands Deutsche Startups

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