Hamburg ist die deutsche Gründerinnen-Hauptstadt

Es ist hinlänglich bekannt, dass Männer die Startup-Szene dominieren. Konkrete Zahlen liefert jedes Jahr der Deutsche Startup-Monitor. 2016 zum Beispiel zählte er 86,1 Prozent Gründer, nur 13,9 Prozent waren Frauen. Der Anteil der Gründerinnen liegt mit 23,3 Prozent in Hamburg am höchsten und ist in München mit 8,1 Prozent am geringsten. Ändern wird sich die Situation vorerst nicht.

Doch woran liegt die ungleiche Verteilung zwischen Männer und Frauen? Florian Nöll, Initiator des DIM und Vorstandsvorsitzender beim Bundesverband Deutsche Startups, hat gleich mehrere Erklärungen: „Ein Grund ist sicherlich das Alter. Der durchschnittliche Startup-Gründer ist Hochschulabsolvent und zum Zeitpunkt der Unternehmensgründung 32 Jahre alt. Akademikerinnen bekommen dagegen mit 31 Jahren das erste Kind. Startup- und Familiengründung sind möglicherweise zwei Kometen auf Kollisionskurs“, meint er. „Dazu kommt, dass nur wenige Frauen die sogenannten MINT-Fächer studieren. Aber derzeit sind ein Drittel der Startup-Gründer Absolventen der Fachrichtungen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.“

ArtNight Das Startup ArtNight aus Berlin steht für gemeinsame Abende voller Kreativität, Kunst und Austausch in ungezwungener Atmosphäre. (© 2017 ArtNight)

Nur 27 Prozent Frauenanteil in deutschen Startups

Doch nicht nur bei den Gründungen, auch bei der Belegschaft sind die Frauen spärlich vertreten. Nach Umfragen des Digitalverbands Bitkom unter mehr als 250 Startup-Gründerinnen und Gründern beträgt der Frauenanteil im Durchschnitt nur 27 Prozent. Lediglich in jedem sechsten Startup ist mindestens die Hälfte der Beschäftigten weiblich.

„Dass ihnen durch die geringe Frauenquote viel Innovationspotenzial entgeht, ist wohl den wenigsten bewusst“, sagt Miriam Mertens, Vice President Startup Cooperations bei der Deutschen Telekom (siehe Interview). Eine Aussage, die sich auch belegen lässt: So zeigt eine aktuelle Studie des US-Venture-Capital-Gebers First Round, dass Teams mit mindestens einer Frau bis zu 67 Prozent besser performen. Die Teamzusammensetzung ist also extrem wichtig: Über 70 Prozent der Startups scheitern an der falschen Zusammensetzung. „Den Zahlen nach müssten Investoren nach mehr Mitgründerinnen rufen. So weit sind wir aber noch lange nicht“, erklärt Sina Gritzuhn. Gemeinsam mit Sanja Stankovic hat sie vor drei Jahren die Plattform www.hamburg-startups.de gegründet. Stankovic ist zudem Mitgründerin der Digital Media Women, dem größten Netzwerk für Frauen in der Digitalwirtschaft. „Gründerinnen berichten von vielen Vorurteilen. Es kann durchaus sein, dass die Gründerin abgefragt wird, ob sie denn die Businesssprache auch draufhat. Frauen, die eine klare Meinung vertreten, werden eher negativ beurteilt – bei Männern ist das positiv“, sagt sie. „Es geht so weit, dass Investoren ausdrücklich einen männlichen Mitgründer fordern“, berichtet Stankovic.

Hamburg Startups: Netzwerk der Gründerszene

Wer wissen will, was in Hamburgs Startup-Szene los ist, geht seit 2014 auf die Plattform www.hamburg-startups.net. Die Gründerinnen Sina Gritzuhn (38) und Sanja Stankovic (38) setzten sich mit ihrer Plattform für eine effektive Vernetzung und Darstellung der Startup-Szene im Norden ein und organisieren Event-Formate wie den Startups@Reeperbahn Pitch, das Food Innovation Camp oder den Auftritt Hamburger Startups auf der SXSW in Austin, Texas. Sina Gritzuhn hat die Geschäftsleitung inne und verantwortet neben der Redaktion unter anderem die Planung und Umsetzung des StartupSpots – einer Datenbank mit Startups in verschieden Regionen Deutschlands. Als Mitgründerin der Digital Media Women, dem größten Netzwerk für Frauen in der Digitalwirtschaft, setzt sich Sanja Stankovic für mehr Frauen in der Gründerszene ein und verantwortet bei Hamburg Startups die Event-Formate.

Deutschland braucht auch mehr weibliche Investoren

Das Aushängeschild „Gründerin“ kann bei Kapitalgebern öffentlichkeitswirksam sein, meint Dorothea Utzt, Mitgründerin von Streetspotr. „Wenn es allerdings um die konkrete Kapitalvergabe geht, ist den meist männlichen Investoren ein Mann tendenziell lieber, der das Business regelt. Da wir leider nur einen einstelligen Prozentsatz an weiblichen Investoren haben, ist hier schnell das Henne-Ei-Problem“, erklärt Stankovic. Kurzum: Deutschland braucht nicht nur mehr Gründerinnen, sondern auch mehr weibliche Investoren.

Wie man aus dem augenscheinlichen Nachteil in der Gründerszene einen Vorteil ziehen kann, weiß Anna Alex, die mit Julia Bösch den Curated-Shopping-Anbieter Outfittery gründete: „Frau sein hat einen entscheidenden Vorteil: Man fällt viel stärker auf – ob auf Veranstaltungen, bei Pitches, in der Presse. Vielen Frauen ist das unangenehm, aber mein Tipp ist: Nutzt das für euch! Es bieten sich tolle Chancen, die man wahrnehmen sollte!“

Bei Outfittery überwiegen im Team die Frauen mit 60 Prozent, ebenso im Gesellschafterkreis. Das ist eine löbliche Ausnahme, üblicherweise sind die Beiräte von Startups zu 100 Prozent mit Männern besetzt. „Ich freue mich sehr, dass wir hier mit gutem Beispiel vorangehen“, sagt Bösch.

Bikom Start-up Report 2017 Laut dem Bikom Start-up Report 2017 beträgt die durchschnittliche Anzahl weiblicher Mitarbeiter in deutschen Startups gerade einmal 27 Prozent. (© 2017 Bitkom)

Gründerinnen: Mehr Mut zum Risiko

Auch Westwing, der Online-Shopping-Club für hochwertige Möbel und Wohnaccessoires, beschäftigt zur Hälfte Frauen. „Alles andere wäre aber auch seltsam, schließlich sind unsere Kunden zu 90 Prozent weiblich“, erklärt Mitgründerin Delia Fischer. Doch beim Start vor drei Jahren hatte sie ernsthafte Schwierigkeiten, für das Gründerteam eine weitere Frau zu finden, also gründete sie mit Männern. „Frauen sind oftmals vorsichtiger als Männer“, so ihre Erfahrung.

Außerdem stünden sie sich selbst im Weg, bestätigt auch Aimie-Sarah Henze, Mitgründerin von ArtNight. „Leider glaube ich, dass es vielen Frauen nach wie vor an Selbstbewusstsein fehlt. Sie müssen für sich eintreten und klar sagen: Ja, ich habe eine gute Idee, ich glaube auch, dass ich sie umsetzen kann, und ich packe es an! Männer scheinen mir oftmals mutiger und auch risikofreudiger.“ Sie zählt zweifellos zu den Mutigen. Ihren Konzernjob bei Bertelsmann hat sie für ihr Startup aufgegeben. „Das zeigt vielleicht, dass ich keine Angst davor habe, ein Risiko einzugehen und es zumindest in Kauf nehme zu scheitern. Doch ich habe seit der ersten Minute so fest an ArtNight geglaubt, dass ich es immer bereut hätte, es nicht probiert zu haben“, sagt sie. „Allerdings bin ich nicht impulsiv und blind in die Gründung hineingelaufen. Wir haben sehr intensive Recherche- und Aufbauarbeit geleistet, um unser Unternehmen gut strukturiert und nachhaltig aufzubauen“, betont sie.

Bei einer weiteren Gründung von Frauenpionieren, dem Tech-Startup Webdata Solutions, ist das Geschlechterverhältnis ausgewogen. „Die Geschlechterfrage war für uns drei Gründerinnen nie ein Thema“, erklärt Carina Röllig. „Vor allem im B2B geht es vorrangig um das Unternehmen und nicht um Personen. Die Technik und die Lösung sowie das Team sind aus unserer Sicht für Kapitalgeber entscheidend. Wir brennen für unsere Ideen, und mit dieser Leidenschaft kann man Kapitalgeber sowie Kunden überzeugen – egal, welches Geschlecht man hat“, sagt Röllig. Dennoch geht das Startup mit gutem Beispiel voran und hat beispielsweise den Girl’s Day ausgerichtet, wo Schülerinnen gezeigt wird, dass Tech und Daten spannend sind.

„Ich denke, dass es ohne Mut zum Risiko und die Bereitschaft zu scheitern nicht geht – das gilt für Männer und Frauen, die gründen wollen“, sagt Streetspotr-Chefin Utzt. „Das fällt einem natürlich in den 20ern leichter als mit Ende 30, wenn vielleicht schon Kinder oder andere Verpflichtungen da sind“ erklärt sie. Ihr Rat an Gründerinnen: „Früh gründen, am besten nach dem Studium oder nach dem ersten Job, wenn man noch keine großen finanziellen Verpflichtungen und auch keinen großen Anspruch an das monatliche Einkommen hat“, sagt sie. Und es gilt selbstverständlich: „Selbstbewusstsein zeigen und sich nicht hinter den – eventuell männlichen – Mitgründern verstecken!“

Fünf Startups, auf die Sie achten sollten

01: Streetspotr: Meinungssammler am POS
Dorothea Utzt (36) gründete mit ihrem Mann Werner Hoier (36) 2011 Streetspotr, Europas führenden Anbieter in der Daten- und Meinungserfassung direkt am Point of Sale. Mittlerweile geben in Europas größter mobiler Crowdsourcing-Community über 600.000 Shopper in 25 Ländern per Smartphone Rückmeldung direkt am Point of Sale, beispielsweise zur Umsetzung von Promotions, Produktverfügbarkeit und Planogramm-Compliance. Rund 300 Kunden, darunter Coca-Cola, Ferrero, Haribo, GoPro, Ubisoft, McDonald’s und Burger King, erhalten in individuellen Dashboards alle Informationen in Echtzeit zur Verfügung gestellt sowie Branchenbenchmarks und Handlungsempfehlungen, um den Umsatz zu steigern. Utzt, die auch seit 2016 Vorstandsmitglied beim Bundesverband Deutsche Startups ist, fungiert als Geschäftsführerin für die Bereiche Marketing, Sales & Financials, Hoier ist als zweiter Geschäftsführer für die Technik, das Design und das Produkt verantwortlich.
Streetspotr gehört zu TechBoost, dem Startup-Programm der Telekom.
www.streetspotr.com

Streetspotr Das Team von Streetspotr (© 2017 Streetspotr)

02: ArtNight: Das Netzwerk für Kreative und Künstler
Aimie-Sarah Henze (29) und David Neisinger (29) gründeten im Herbst 2016 ArtNight in Berlin als Veranstaltungskonzept für gemeinsame Abende voller Kreativität, Kunst und Austausch in ungezwungener Atmosphäre. Das erste Veranstaltungsformat von ArtNight ist der Malerei gewidmet und findet in unterschiedlichen Bars und Restaurants in ganz Deutschland statt. Unter Anleitung eines lokalen Künstlers malen oder zeichnen die Gäste ihr eigenes Kunstwerk, das sie später mit nach Hause nehmen können. Gleichzeitig können die Gäste untereinander Kontakte knüpfen und sich austauschen. Die Malerei soll nur der Anfang sein, geplant sind kreative Handarbeiten und das Gestalten von Designelementen sowie Events zu Musik oder Literatur. Bis 2018 wird ArtNight in rund 50 Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz expandieren. Die Vision: das größte Unternehmen für kreative Erlebnisse in Europa zu werden und damit Tausende Menschen in großen und kleinen Städten kreativ zu vernetzen.
ArtNight gehört zu TechBoost, dem Startup-Programm der Telekom.
www.artnight.com

Aimie-Sarah Henze Aimie-Sarah Henze, Mit-Gründerin von ArtNight (© 2017 ArtNight)

03: OUTFITTERY: Der individuelle Stilberater für Männer
Anna Alex (33) und Julia Bösch (33) gründete im Januar 2012 ihr Startup OUTFITTERY, Europas größten Personal Shopping Service im Internet für Männer. Online ist es seit dem 13. April 2012. Kunden beantworten auf der Internet-Seite www.outfittery.de nur einige Fragen zu Kleidungsstil und Größen. Anschließend nehmen die Stil-Expertinnen von OUTFITTERY persönlichen Kontakt auf und stellen individuelle Outfits zusammen, die der Kunde bequem nach Hause geschickt bekommt. Was ihm gefällt, das behält er, den Rest schickt er zurück. Das Startup zählt inzwischen rund 300 Mitarbeiter, davon 150 Stylisten und rund 500.000 Kunden im Alter von 30 bis 50 Jahren in acht Ländern Europas. .
www.outfittery.de

04: Westwing: Online-Club für Möbeldesign
Westwing ist ein Online-Shopping-Club für Möbel und Wohnaccessoires. Die Idee dazu kam Delia Fischer (33), damals ehemalige Redakteurin von ELLE und ELLE Decoration, weil viele der schönen Einrichtungsgegenstände aus den Magazinen nicht oder nur sehr teuer in Deutschland erhältlich waren. 2011 gründete sie Westwing zusammen mit Tim Schäfer, Matthias Siepe und Georg Biersack in München. Auf Westwing erhalten die mittlerweile 30 Millionen Mitglieder weltweit bis zu 70 Prozent günstigere, limitierte und zeitlich begrenzte Angebote an Möbeln und Wohnaccessoires aus aller Welt. Das Startup beschäftigt weltweit 1.500 Mitarbeiter in 14 Ländern und verschickt täglich über 20.000 Artikel. In Warschau und Sao Paulo gibt es inzwischen einen Flagshipstore, vor Kurzem hat Westwing einen Pop-up-Store in München eröffnet.
www.westwing.de

05: Webdata Solutions: Big Data visualisieren
Webdata Solutions ist eine Ausgründung aus einem Forschungsprojekt der Universität Leipzig im Jahr 2012. Die Gründerinnen Carina Röllig, Sabine Maßmann und Hanna Köpcke entwickelten auf der Grundlage eines neuartigen Matching-Algorithmus die Software blackbee. blackbee ist in der Lage, gigantische Datenmengen im Internet in rasantem Tempo einzusammeln und so aufzubereiten, dass Unternehmen weltweit in allen Branchen und Sprachen fundierte Entscheidungen treffen können – etwa über ihre Preise, Sortimente und Produkteigenschaften. Online-Händler und Hersteller behalten so den E-Commerce-Markt im Blick und sind ihrer Konkurrenz einen Schritt voraus. Das Startup zählt heute rund 40 Mitarbeiter, die Kundenzahl bewegt sich im dreistelligen Bereich.
www.webdata-solutions.com

Weiterführende Links zum Thema

Miriam Mertens: „Sein Licht nicht unter den Scheffel stellen“

Anna Alex: „Wir schenken euch Zeit!“

MagentaBusiness POS: Mehr als nur eine Kasse

Gründen als Einzelunternehmer: Welche Rechtsform passt?