Arbeitsplatz im Blumenparadies

Schon im Innenhof duftet es nach Lilien. Allein die Nase findet den Weg zu den Büroräumen des Startups BLOOMY DAYS. 2015 bezog das Unternehmen in Berlin-Mitte sein neues Domizil. Was vorher ein Dunkelrestaurant war, ist nun ein Blütenparadies. Ein Tresen voll frischer Blumen im Eingangsbereich bildet wie selbstverständlich das Empfangskomitee. Hier stehen die Bloomen der Woche, heute sind es Brindisi Lilien, Pfingstrosen, Nelken. Inmitten des Raumes thront ein echtes Gewächshaus, der gläserne Meetingraum. Man hört sogar Vogelgezwitscher. Doch das kommt aus dem Garten, der zum Büro dazugehört. Bestens geeignet für Produktshootings, Teamlunch oder für Gespräche, in denen Franziska von Hardenberg von ihrem Startup erzählt.

»Wer gründet, sollte für seine Idee brennen.«

Franziska von Hardenberg ist eine der bekanntesten Gründerinnen in der Startup-Szene – nicht zuletzt, weil sie an vielen öffentlichen Diskursen teilnimmt und sich für mehr Austausch von Politik und Digitalszene sowie für eine bessere Förderung weiblichen Unternehmertums einsetzt. Doch zurück auf Anfang: Die Liebe zu Blumen war bei Franziska von Hardenberg schon immer da. Der Unternehmergeist auch. Schon mit zwölf wusste sie, dass sie mal Gründerin wird. Ein Studium sowie drei Stationen in verschiedenen Rocket Ventures lieferten das nötige Rüstzeug. Fehlte nur noch die Idee. Die kam wie nebenbei. Zum Wochenbeginn kaufte von Hardenberg regelmäßig auf dem Weg zur Arbeit frische Blumen fürs Büro. Doch als ihr Arbeitgeber umzog, lag kein Blumenladen mehr an der Strecke. Sie fragte sich, warum kann man frische Blumen eigentlich nicht online bestellen?

»Quick Facts«

Gründung: 2012

Märkte: Deutschland, Österreich

Service: Frische Schnittblumen im Abo oder als Einzelbestellung

Gründerin: Franziska von Hardenberg

Mitarbeiter: 40 im Büro, 100-200 saisonal im Lager

Unternehmenssitz: Berlin

Web: bloomydays.com

Marktcheck und sorgfältige Planung sind Muss

Die Recherche ergab: Acht Milliarden Euro Bruttojahresumsatz erwirtschaftet der deutsche Blumenhandel jährlich, davon 3,5 Milliarden mit Schnittblumen, aber nur sechs Prozent online. Das Potential und die Wachstumschancen waren enorm, die Idee stand. 2012 gründete Franziska von Hardenberg den ersten deutschen Schnittblumen-Online-Abo-Dienst: BLOOMY DAYS. Ab 19,90 Euro bekommen Kunden saisonale Schnittblumen auf Wunsch wöchentlich, alle zwei Wochen oder monatlich versandkostenfrei nach Hause geliefert. Seit 2016 sind auch Einzelbestellungen möglich. »Um höchstmögliche Frische anzubieten, verzichten wir auf Zwischenhändler und ersteigern die Ware digital auf Auktionen in Holland. Nur wenige Stunden später sind die Schnittblumen in Berlin und werden in einer Halle in Kreuzberg von 100 bis 200 Mitarbeitern geputzt, verpackt und verschickt«, erklärt die Gründerin. Dabei erfordern besondere Anlässe manchmal Großeinsätze: In der Muttertags-Maiwoche hat BLOOMY DAYS erst kürzlich den verzehnfachten Umsatz eingefahren.

»Irgendwann kommt man dann an einen point of no return und dann geht es nur noch nach vorn.«

Kickstart dank Crowdfounding-Rekord

Die Idee des Blumen-Online-Abos war so innovativ und überzeugend, dass Franziska von Hardenberg 2012 über eine Seedmatch-Kampagne 100.000 Euro Startkapital in nur anderthalb Stunden einsammelte. Mittlerweile sind weitere Finanzierungsrunden abgeschlossen und Investoren wie Christophe Maire, Otto Capital oder Intan Group an Bord. Dafür brauchte es etliche Gespräche und viel Durchhaltvermögen. »Und das muss man haben, wenn man gründet«, so von Hardenberg, »ebenso Mut, Disziplin und Leidenschaft fürs Produkt.« Welche Rechtsform man wählt oder welchen Finanzierungsweg man geht, müsse jede Gründerin für sich selbst entscheiden. Genaue Angaben zum Umsatz bzw. der Abonnentenanzahl von BLOOMY DAYS will sie nicht machen. Nur so viel: Für 2018 strebe das Unternehmen Profitabilität an.

»Wer gründen will, muss Lust auf täglich neue Herausforderungen haben.«

Gründerinnen im e-Commerce

Obwohl die offizielle Zahl weiblicher Gründungen laut KfW in den letzten Jahren konstant bei 43% liegt, gründen Frauen insbesondere in der Internet- und Techbranche deutlich seltener als Männer. Doch es werden mehr. Laut Deutschem Startup Monitor 2016 stieg der Anteil von Startup-Gründerinnen auf 13,9 Prozent und in vielen Regionen entwickeln sich aktive Startup-Szenen.

Gründerinnen in Deutschland

 

»Frauen sind bei der Gründung zaghafter und nicht ganz so risikobereit«, erklärt Antje Ripking von der Gründerinnenzentrale Berlin eine der Ursachen. »Zudem fühlen Frauen sich von Gründungsangeboten oft nicht angesprochen. Das muss sich ändern.« Unflexible Arbeitsstrukturen, die weder Homeoffice noch Teilzeit bieten, sind insbesondere für Mütter ein Grund, sich selbstständig zu machen – meist als Freiberuflerin. Stichwort: Vereinbarkeit von Job und Familie. Franziska von Hardenberg, selbst Mutter, ist überzeugt, dass es bessere Programme in Sachen Kinderbetreuung geben müsse.

»Frauen benötigen keine Sonderbehandlung bei der Gründung. Sie sollten jedoch die gleichen Chancen nutzen können.«

Aus diesem Grund engagiert sie sich für die Neustrukturierung des Elterngeldes. »Frauen dürfen nicht benachteiligt werden, indem sie privat für die Kinderbetreuung aufkommen müssen, wenn sie Elternzeit und Teilzeit kombinieren«, meint sie.

Auch Startups lassen sich immer wieder neu erfinden

Um sein Unternehmen voranzubringen, brauche man neben richtigen Partnern, guten Mitarbeitern und einer Vision auch immer wieder frische Ideen. Seit 2016 bietet BLOOMY DAYS für Geschäftskunden Blumen-Bouquets in Corporate Farben: zur Kundenbindung, Neukundengewinnung oder fürs Beschwerde-Management. Zu den Kunden zählen Airbnb, Zalando oder Nespresso; mittlerweile 40 Prozent des Umsatzes macht BLOOMY DAYS mit Sträußen im Markendesign. Aktuell wird gerade die neue BLOOMY BAG, eine Tasche mit Frischhalteelement nebst Blumen an 35 Total-Tankstellen getestet.

Wie wird Frau zur Gründerin?

Digitales und unternehmerisches Wissen früh in die Ausbildung einzubeziehen, hält Franziska von Hardenberg für zukunftsweisend. Um Frauen für die Startup-Tech-Szene zu begeistern, braucht es aber auch eine vielschichtigere Ansprache, ein funktionierendes Netzwerk und natürlich Vorbilder.

Ein lauer Wind weht durch den prallgrünen Garten. Auf dem Weg zurück durch die duftende Bürooase passiert man ausgewähltes Dekor, gemütliche Sitzbänke und allerlei gerahmte Presseberichte. Auch Angela Merkel ist zu sehen. Die war schon zu Besuch bei BLOOMY DAYS und 2016 Gast im »Salon Privé«. Sie ist für Franziska von Hardenberg definitiv ein großes Vorbild. Aus der Gründerinnen-Szene fallen ihr aber spontan sechs weitere ein.

Sechs Gründerinnen

Hinweis: Leider musste Bloomy Days im August Insolvenz anmelden. Der Grund ist laut Gründerin Franziska von Hardenberg eine kurzfristig geplatzte Finanzierungsrunde. Man kämpfe nun dafür, die Arbeitsplätze zu sichern und weiterhin Blumen liefern zu können, kündigte von Hardenberg an. Die Startup-Branche ist nun mal schnell getaktet, auch gute Ideen können scheitern. An der zunehmend stärkeren Rolle von Frauen in der Gründerszene ändert das jedoch nichts.

Weitererführende Links zum Thema

Miriam Mertens: "Deutschland braucht mehr Gründerinnen."