Roadmovie: Startup USA

Ausgelassene Stimmung, leckeres Fingerfood, Wein, Bier und Prosecco im Zoo Palast an diesem warmen Sommerabend in Berlin-Charlottenburg: lexRocket, das Förderprogramm der Freiburger Haufe Group, hatte am 11. Juli zur Premiere der Startup-Doku „Starting Up USA: Von der Garage zum Unicorn in 5.000 km“ geladen. Über den roten Teppich strömten junge Gründer aus allen Regionen Deutschlands in das schöne Kino in der Hardenbergstraße. Es war wie ein Startup-Treffen: Alle kamen, um die einstündige Doku über zwei deutsche Gründer zu sehen, die auszogen, die Erfolgsformel von Startups in den USA zu finden. Mit einem einfachen Camper begann das Abenteuer in San Francisco und führte vier Wochen lang rund 5.000 Kilometer über das Silicon Valley, Los Angeles, Las Vegas quer durchs Land über Oklahoma bis zur New Yorker Börse, dem finanziellen Traumziel vieler Startups, die einen Börsengang anstreben.

In den Hauptrollen des Films: Florian Schmitt, verantwortlich für Startup Relations in der Haufe Group und selbst ehemaliger Gründer eines Unternehmens für Proteinsnacks, sowie Malte Steiert, Gründer von Foodguide, einer Art Tinder-App mit Vorschlägen für gutes Essen in der Umgebung, empfohlen von der Foodie-Community. Begleitet wurden beide Protagonisten vom Wirtschaftsjournalisten Manuel Koch, dem ehemaligen New Yorker Börsenkorrespondent von N24. Die beiden Dokumentarfilmer Marius Hoch-Geugelin und Robin Teuffel hielten Etappen und Eindrücke in Bild und Ton fest.

Dropbox, Salesforce & Co.: Die Crème de la Crème

Bei ihren zahlreichen Stopps von der West- bis an die Ostküste besuchten sie millionenschwere deutsche Startups wie den Process Mining-Anbieter Celonis und den Digitalisierungsanbieter Shore, Jodel (soziales Netzwerk zum anonymen Posten) sowie Vertreter von US-Startups, die es längst geschafft haben: Dropbox, Hyperloop One, Salesforce und Kickstarter. Das Team verabredete sich auch mit leitenden Mitarbeitern der New Yorker Börse, sprach mit dem deutschen Generalkonsul über Hilfestellungen für deutsche Gründer bei ihrer Expansion in den USA und sammelte Tipps und Ratschläge bei Business Angels und Investoren. Auf ihrer einmonatigen Reise verschafften sie sich einen Rundumblick über die Szene in den USA und ihren Spirit.

Digitaler Mittelstand sprach mit Malte Steiert (24) und Florian Schmitt (29) über die Entstehung des Films und wie die Erfahrungen während der Dreharbeiten ihre Haltung zur Gründerszene geändert haben.

Das Interview mit den Gründern

Ihr habt viel gesehen und gehört in der Startup-Szene USA. Welches Startup hat euch rückblickend am meisten beeindruckt und warum?
Malte: Das war auf jeden Fall Dropbox. Es ist nicht mehr so jung als Startup, aber auch nicht so groß wie Facebook oder Google. Für mich war es ein tolles Erlebnis, bei ihnen im Büro zu sein und zu sehen, wie sie mit ihren Mitarbeitern umgehen, ein Team aufbauen und gemeinsam an Themen arbeiten, völlig losgelöst von Stellung oder Gehaltsstufen. Dropbox hat es erreicht, mit einem relativ unsexy Produkt, einem Cloud-Speicher, eine gute Community im Internet aufzubauen und an gemeinsamen Visionen zu arbeiten. Das kann man schon am Gebäude sehen, in dem sie viele tolle Begegnungsräume geschaffen haben, unter anderem eine Cafeteria mit eigener Kaffeerösterei.

Florian Schmitt Florian Schmitt, Vice-President Startup Relations bei der Haufe Group (Bild: Marius Geugelin, 2017) (© 2017 Marius Geugelin)

 

Florian: Dropbox hat mich auch sehr beeindruckt. Innerhalb von fünf Jahren ist das Unternehmen von 50.000 auf 500 Millionen User gewachsen. Das Besondere ist, dass es dort noch immer so zugeht wie in einem Startup. Der CTO Aditya Agarwal sagt ja auch im Film: „Wir werden zum Großunternehmen, wollen aber den Startup-Spirit nicht verlieren.“ Also lieber zu wenige Strukturen als zu viele und sich eher am Rande des Chaos bewegen, das fördert die Kreativität. Auch Celonis aus München hat mich beeindruckt, das mit seiner Softwarentwicklung quasi den Unternehmensberater ersetzt. Das Startup ist in den ersten Jahren mit eigenem Geld extrem schnell gewachsen, zählt heute 100 Mitarbeiter. Mit weiterem Venture Capital ist es in die USA expandiert und hat in New York ein Büro eröffnet. Dort erwirtschaftet Celonis bereits ein Viertel seines Gesamtumsatzes. Das zeigt, dass das Silicon Valley für Startups nicht alles ist.

Malte, was konntest du von den Amerikanern lernen, was davon willst du selbst umsetzen?
Malte: Es wird immer viel über die amerikanische Mentalität geredet, aber wenn man das live erlebt, wird vieles bestätigt und sogar übertrumpft. Im Silicon Valley arbeitet man tatsächlich, um etwas Neues zu erschaffen, die Welt zu verändern. Die Produktivität liegt förmlich in der Luft. Wir bei Foodguide sind ja erst ein kleines Startup mit gerade einmal 15 Leuten. Im Moment arbeiten wir an Mitarbeiter-Incentive-Programmen, wie sie in den USA üblich sind: Jeder erhält ein Grundgehalt und leistungsbezogen zusätzliche Vergütungen. In unserem Büro im Hamburger Schulterblatt wollen wir – wie Dropbox im Kleinen – mit flexibler Raumaufteilung und kleinen, verschiebbaren Tischen die Kreativität fördern. Je nach Projekt schieben die Kollegen ihre Tische einfach zusammen. Das sind die ersten, wirklich kleinen Schritte.

Florian, du als ehemaliger Gründer: Was hat dich positiv überrascht, was hättest du damals bei der Gründung deines Startups gerne so gehabt wie in den USA?
Florian: Einiges. Von der Infrastruktur her geht die Gründung online mit einem Klick über die Bühne. Hier müssen alle Beteiligten zum Notar – eine zeitraubende Angelegenheit. Wahrscheinlich ist das so, weil in Deutschland eine Gründung eher als Risiko angesehen wird und nicht als Chance. Da sind die Amerikaner ganz anders. Von der Kultur her denken die Amerikaner immer in größtmöglichen Einheiten. Startups wollen immer gleich die Welt besser machen oder retten. Oder sie wollen an die Börse gehen und Geld machen. Sie denken größer, das finde ich inzwischen besser, als Fördermittel vom Staat zu bekommen, wie hierzulande üblich. Die bekommt man hier zwar früh, wie etwa durch das Programm EXIST. Meiner Meinung nach haben viele Startups dadurch aber weniger Druck, mehr Geld zu verdienen. In den USA gibt es kein Fangnetz. Wer gründet, muss zusehen, dass es läuft.

Ist eine Gründungsförderung denn so schlecht?
Florian: Zum einen geht der Gründungs-Spirit meiner Meinung nach durch die Förderung vom Staat verloren. Zum anderen ist es ja so, dass hier anfangs zu viel mit Geld gelockt wird, es aber später keine Anschlussfinanzierung vom Staat gibt. Wer es also bis dahin nicht geschafft hat, geht baden.

Gab es auch etwas, was ihr persönlich nicht so gut fandet und was eventuell in Deutschland besser läuft?
Florian: Man kann darüber streiten, dass die Amerikaner mehr Schweiß und Blut in ein Startup stecken und sich auch mal gerne überarbeiten. Das ist die amerikanische Art. Es gibt ja dort keine oder nur sehr wenige staatliche Finanzierungen für Startups. Aber da sich dadurch eben auch ein echter Gründer-Spirit entwickelt, muss das nicht unbedingt schlecht sein.

Malte Steiert Malte Steiert, Gründer von Foodguide (© 2017 ) - Marius Geugelin

 

Malte: Man kann vielleicht sagen, dass es eine Menge „Schaumschläger“ gibt. Junge Leute, die ihr Startup haben, aber in Wirklichkeit noch studieren. Aber das kann man auch positiv sehen: Sie können sich jedenfalls gut verkaufen und setzen ihre Ideen schnell um. An der deutschen Ingenieurskunst wird immer lange geforscht und entwickelt, bis sie auf den Markt kommt. Vielleicht verpasst man da eine Innovation, aber die Produkte haben am Ende eine hohe Qualität und sind beständig.

Dann wäre die Balance zwischen amerikanischer Leichtigkeit und deutscher Gründlichkeit ideal?
Malte: Absolut! Außerdem ist mir aufgefallen, dass auch bei den US-Startups „Made in Germany“ angesehen ist: Sie haben zum Beispiel deutsche Chefentwickler, deutsche Ingenieure oder lassen in Deutschland produzieren. Das war auch spannend zu hören, wie die Amerikaner uns Deutsche sehen.

Trailer: Filmdoku „Starting Up USA