Ein Raumschiff ist gelandet! Das hätte man auf der diesjährigen Elektronikmesse CES in Las Vegas glatt meinen können, als Mercedes sein Forschungsfahrzeug F 015 Luxury in Motion auf der Bühne präsentierte: Die niedrige Front, die straff durchgezogene Dachlinie, die flache Frontscheibe und das tief sitzende Heck lassen das silberfarbene Gefährt in seiner dünnen Hülle aus Carbonfaser, Aluminium und Stahl richtig spacig aussehen.

Im Inneren laden vier geräumige Drehsessel zum Entspannen ein. Während sie ihr Flitzer an ihr Ziel bringt, kommunizieren die Insassen mit ihm und der Außenwelt über Displays in den Türverkleidungen, an der Armaturentafel und an der Rückwand. Und das ganz einfach mit Hand- und Augenbewegungen oder durch Berührung. Im selbstfahrenden Auto der Zukunft sucht man Knöpfe und Schalter vergebens.

Draußen auf der Straße soll das Auto der neuen Art andere Verkehrsteilnehmer über Töne, Sprachhinweise, LED-Displays an Front und Heck sowie ein nach vorne gerichtetes Lasersystem warnen und Signale geben. Steht etwa ein Fußgänger am Straßenrand, projiziert das Auto ihm einen stilisierten Zebrastreifen auf den Asphalt.

Außen Raumschiff, innen Lounge: Im Mercedes-Benz F015 Luxury in Motion lassen sich die Sitze zur einer Vierergruppe drehen. Das Auto fährt selbst. Außen Raumschiff, innen Lounge: Im Mercedes-Benz F015 Luxury in Motion lassen sich die Sitze zur einer Vierergruppe drehen. Das Auto fährt selbst. (© 2015 Daimler AG)

Das begehrteste Luxusgut im 21. Jahrhundert

Doch schön soll künftig nicht nur die Technik sein. „Wer nur an die Technik denkt, hat noch nicht erkannt, wie das autonome Fahren unsere Gesellschaft verändern wird“, erklärt Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG und Leiter Mercedes-Benz Cars. „Das Auto wächst über seine Rolle als Transportmittel hinaus und wird endgültig zum mobilen Lebensraum. Das begehrteste Luxusgut im 21. Jahrhundert werden privater Raum und Zeit sein“, meint Zetsche.

Und das soll der F 015 bieten. Wer in den Fahrerraum blickt, sieht: Es gibt noch ein Lenkrad und zwei Pedale. Anders als in den USA, müssen aus rechtlichen Gründen hierzulande wie in zahlreichen anderen Ländern die Fahrer vorerst die Herren im Auto bleiben. Bei der Konzeptentwicklung „Jack“, einem speziell ausgerüsteten Audi A7, ist das Lenkrad noch an seinem angestammten Platz. Dennoch legte das Auto große Teile der 900 Kilometer vom Audi-Entwicklungslabor im Silicon Valley nach Las Vegas ohne Menschenhand zurück.

Mobiler Zebrastreifen: Erkennt das Forschungsfahrzeug von Mercedes einen am Straßenrand stehenden Passanten, kann es ihm per Laser einen stilisierten Zebrastreifen auf die Fahrbahn werfen. So kann der Fußgänger sicher sein, dass das Auto ihn erkannt hat. Mobiler Zebrastreifen: Erkennt das Forschungsfahrzeug von Mercedes einen am Straßenrand stehenden Passanten, kann es ihm per Laser einen stilisierten Zebrastreifen auf die Fahrbahn werfen. So kann der Fußgänger sicher sein, dass das Auto ihn erkannt hat. (© 2015 Daimler AG)

Rollende Computer

Selbstfahrerautos gelten in der Autobranche als eine der wichtigsten Zukunftstechniken überhaupt. Technisch sind die Gefährte so gut wie fit dafür: Vom einst Kutschen-ähnlichen Gefährt, das Carl Benz am 29. Januar 1886 hierzulande als „Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb“ patentieren ließ, hat sich das Auto längst zu einem rollenden Computer mit dutzenden Sensoren entwickelt.

Darüber kommuniziert es mit seiner Umwelt und entsprechend ausgerüsteten Ampeln, Straßenmarkierungen an Kreuzungen oder Verkehrsschildern. Als Augen und Ohren fungieren Kameras hinter dem Rückspiegel, welche die Fahrbahnmarkierung im Blick haben. Radar-Sensoren tasten permanent die Umgebung ab, Computer berechnen den Sicherheitsabstand zum vorausfahrenden Auto.

Nicht nur die etablierten Autobauer, auch Internetkonzerne wie Google und Apple drängen in den lukrativen Markt der selbstfahrenden Autos. Google prescht mit seinem kugeligen, kleinen Zweisitzer namens Google Car vor. Derzeit lässt der Konzern beim Fahrzeugentwickler Roush eine Flotte von 150 Testfahrzeugen bauen. Technologiepartner sind die deutschen Zulieferer Continental, Bosch und ZF Lenksysteme.

Google-Kugel: Der Prototyp kommt ohne Lenkrad, Gaspedal und Bremse aus. Software und Sensoren übernehmen das Ruder. Google-Kugel: Der Prototyp kommt ohne Lenkrad, Gaspedal und Bremse aus. Software und Sensoren übernehmen das Ruder. (© 2015 Google)

Eine Welt ohne Autounfälle

Maßgeblich entwickelt hat das Google Car ein Deutscher: der aus Solingen stammende Stanford-Professor Sebastian Thrun, eine Koryphäe in den Fachbereichen Robotik und Künstliche Intelligenz. Er forschte an dem Roboterauto auch aus ganz persönlichen Gründen. Ihn treibt die Vision einer Welt ohne Verkehrsunfälle.

Wie er auf der TED-Konferenz im März 2011 erzählte, verlor er mit 18 seinen besten Freund durch einen Autounfall: „Das kann nicht mehr passieren, wenn eine Maschine das Fahren übernimmt!“, ist er überzeugt. Er glaubt, dass sich künftige Generationen darüber wundern werden, wie dumm wir waren, uns selbst ans Steuer zu setzen.

Deutsche Konzerne wollen Google nicht das Feld überlassen. Das größte Testprojekt in Europa mit 100 Fahrzeugen, Volvos „Drive Me“, soll ab 2017 in Göteborg unter Realbedingungen starten. Volvo-Kunden sollen Fahrzeuge anmieten und sich durch die Stadt kutschieren lassen können. Hierzulande hat Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt kürzlich eigens Teile der A9 für das Pilotprojekt „Digitales Testfeld Autobahn“ freigegeben, auf denen zunächst Autos mit Assistenzsystemen und künftig auch vollautomatische Autos unterwegs sein sollen.

Experten wie der Leipziger Trendforscher Sven Gabor Janszky von 2b AHEAD gehen von einer zweistufigen Einführung der Roboterautos in den Massenmarkt aus: „In fünf Jahren werden sie in nicht komplexen Situationen das Fahren übernehmen, etwa in Staus und auf Autobahnen. Verlässt der Wagen die Autobahn, übernimmt der Fahrer wieder das Steuer“, sagt er.

Perfekter Abstand: Sensoren scannen die Fahrbahn ab. So halten die Autos immer den richtigen Abstand voneinander. Perfekter Abstand: Sensoren scannen die Fahrbahn ab. So halten die Autos immer den richtigen Abstand voneinander. (© 2015 Daimler AG)

Vieles bereits in Oberklassewagen integriert

Im Grunde ist das eine Weiterentwicklung dessen, was bislang Oberklassewagen vorbehalten ist. Der „Low Speed Companion“ von Continental etwa übernimmt bei Staus das Ruder, fährt automatisch an, bremst und hält den Abstand. Durch Vernetzung mit der Infrastruktur erkennt das Fahrzeug das Stauende und übergibt rechtzeitig wieder an den Fahrer.

Der „Park Companion“ sucht im Vorbeifahren passende Parklücken, der „Park Pilot“ übernimmt das Einparken. Dieses Kunststück zeigte BMW auf der CES: Ein Testfahrzeug auf Basis des i3 fand allein den Weg zur freien Lücke und parkte ein.

In den USA sollen die Google-Kleinwagen bereits in fünf Jahren ohne Lenker und Pedale über die Straßen rollen. „Vorreiter werden Fahrdienste in abgeschlossenen Gebieten für den Transport von Personen oder Gütern sein, etwa auf großen Fabrikgeländen“, erklärt Janszky. Bestellt und bezahlt wird das Chauffeur-Auto einfach via Smartphone. Schöne, neue Auto-Welt.

Was noch zu klären wäre:

Rechtslage: Noch verhindert die Gesetzgebung den Einsatz der vollautomatischen Roboterautos auf den Straßen in Deutschland.

Datenschutz: Die gesammelten Daten im vernetzten Auto müssen vor Hackern geschützt und die Fahrer darüber informiert werden, welche Daten gespeichert werden und wer Zugriff darauf hat.

Haftung: Kommt es zu Unfällen, muss geklärt werden, wer haftet – der Fahrer oder der Autohersteller.