Brille aufsetzen – und los geht die virtuelle Fahrt: Wer sich einen neuen Audi zulegen möchte, kann sein Fahrzeug bereits bei seinem Händler in unterschiedlichen Umgebungen ausprobieren. Er kann um das Auto herumschlendern oder sich während der Fahrt auf den Beifahrersitz setzen. Sogar in das Innere seines Fahrzeugs kann er demnächst eintauchen und dessen technischen Aufbau erkunden. Möglich wird dies Dank einer Virtual-Reality-Brille und einer spezielle VR-Software, die Audi eigens entwickelt hat, um „den Kunden bei der Kaufentscheidung einen erheblichen Mehrwert zu bieten“, wie der Hersteller mitteilte.

Wie wirken die Sportsitze? Per VR-Brille lässt sich ein Blick durch das Beifahrerfenster ins Innere eines Audi werfen. Wie wirken die Sportsitze? Per VR-Brille lässt sich ein Blick durch das Beifahrerfenster ins Innere eines Audi werfen. (© 2016 Audi Blog)

Entsprechende VR-Brillen verfügen über einen Bildschirm nahe am Auge. Dieser deckt das Sichtfeld des Trägers ab und passt Foto- oder Videoaufnahmen an dessen Bewegungen an. So erhält er das Gefühl, sich in der virtuellen Welt zu bewegen.

Bereits ein Renner sind VR-Brillen im Unterhaltungsbereich, wie die vergangene IFA zeigte. Seit Beginn des Jahres experimentieren fast alle namhaften deutschen Inhalte-Anbieter mit VR-Content, etwa Verlagshäuser, Filmproduzenten oder Sport- und Konzertveranstalter. In ihrer Trendstudie „Consumer Technology 2016“, die der Digitalverband Bitkom und das Prüfungs- und Beratungsunternehmen Deloitte vorgestellt haben, gehen sie in diesem Jahr in Deutschland von einem Umsatz mit VR in Höhe von 158 Millionen Euro aus. Im Jahr 2020 sollen es bereits einer Milliarde Euro sein. „Vor allem die Gaming-Branche wird mehr Umsatz damit machen können“, erklärt Timm Lutter, Bitkom-Experte für Consumer Electronics & Digital Media.

Die Sony VR-Brille PSVR (Playstation VR) arbeitet mit der Playstation 4 zusammen. Die Sony VR-Brille PSVR (Playstation VR) arbeitet mit der Playstation 4 zusammen. (© 2016 Sony)

Dazu kommen die Unternehmensanwendungen, wie etwa bei Audi fürs Marketing. Mit den entsprechenden Apps unterstützten VR-Brillen Mitarbeiter im Produktentwicklung und Produktion. Gegenstände lassen sich durch die räumliche Projektion noch in der Design-Phase visualisieren und anpassen. Änderungswünsche des Kunden können dann per Gestensteuerung schnell eingearbeitet werden. Im Service und in der Wartung erhalten Techniker zusätzliche Informationen durch das Einblenden von Serviceanleitungen direkt in ihr Sichtfeld. In der Logistik helfen eingeblendete Barcodes den Lagerarbeitern, die richtigen Teile schnell zu kommissionieren. In der Bauwirtschaft können Planungsdaten als visuelle Schicht über die reale Baustelle projiziert werden. Bauarbeiter sehen so beispielsweise, wo Rohre und Leitungen verlaufen und was sich hinter bereits verputzten Wänden befindet. Die Reisebrache kann ihren Kunden mit Hilfe von VR-Technologie und 360-Grad-Videos einen besseren Service bieten und ihnen vor der Buchung einen Eindruck von ihrem Urlaubsziel vermitteln.

Per interaktiver VR-Brille erhält der Nutzer alle benötigten Informationen zum millimetergenauen Einbau der A330-Kabineneinrichtung eingespiegelt. Per interaktiver VR-Brille erhält der Nutzer alle benötigten Informationen zum millimetergenauen Einbau der A330-Kabineneinrichtung eingespiegelt. (© 2016 Airbus)

Erste Brillen sind bereits im Einsatz. Bei Airbus etwa helfen die smarten Brillen den Monteuren beim punktgenauen Einbau von Kabineneinrichtungen im A330. Sie blenden im Sichtfeld des Nutzers wichtige Zusatzinformationen ein, so dass die Arbeiter die Hände frei für ihre filigrane Arbeit haben. Das neuen digitalen Hilfsmittel schaffen handfeste Vorteile: DHL konnte bei einem Testeinsatz in einem Distributionszentrum in den Niederlanden eine 25-prozentige Effizienzsteigerung verbuchen. Beim Mettlacher Keramikwarenhersteller Villeroy & Boch AG stellen sich die Kunden virtuell ihr Badezimmer zusammen oder erleben das gesamte Sortiment, das in kleineren Ausstellungen niemals Platz fände.

Bei der Augmented-Reality-Brille HoloLens von Microsoft kann der Nutzer auf Wunsch Objekte und Räume frei platzieren – oder bewegt sich sogar darin herum. Bei der Augmented-Reality-Brille HoloLens von Microsoft kann der Nutzer auf Wunsch Objekte und Räume frei platzieren – oder bewegt sich sogar darin herum. (© 2016 Microsoft)

Die nächste Brillengeneration ist bereits in Entwicklung. Sogenannte Mixed-Reality-Brillen, wie die Microsofts HoloLens oder die Magic Leap, projizieren virtuelle Objekte in den realen Raum mit der Möglichkeit, diese mit realen Objekten zu verbinden. Sie sollen in den kommenden Jahren marktreif sein. „Für die Zukunft rechnen wir mit Technologien, die unseren Alltag ähnlich prägen werden wie das Smartphone“, sagt Klaus Böhm, Media Director bei Deloitte. Der Hype um das Spiel Pokémon Go lasse erahnen, welches wirtschaftliche Potenzial in der Technologie stecke.