Einsatzmöglichkeiten für Augmented Reality

Auf der letzten Messe FachPack standen die Besucher am Stand des Anbieters von Transport- und Palettieranlagen Langhammer GmbH Schlange, obwohl weit und breit keine Maschine zu sehen war. Stattdessen wandelten mit speziellen Brillen ausgestattete Besucher umher und benahmen sich etwas eigenartig. Die Auflösung: Langhammer hatte seine komplette Palettieranlage in eine 3D-Simulation gebracht. Und mit einer Microsoft HoloLens auf der Nase steuerten die Standbesucher per Sprachkommandos und Gesten die in der Realität nicht vorhandene Maschine und ließen sich einzelne Teile erklären. Sie betrachteten die Anlage entweder verkleinert auf dem Tresen oder virtuell in Originalgröße auf dem Messestand.

Augemented Reality will eine Brücke zwischen analoger und digitaler Welt schlagen. Messebesucher der FachPack konnten am Stand der Langhammer GmbH, eines Transport- und Palettieranlagen-Unternehmens mit Microsoft HoloLens Arbeitsabläufe als 3D-Simulation ansehen. (© 2017 Deutsche Messe AG)

Die virtuelle Anlage hatte die Spezialfirma AIT (Applied Information Technologies) aus Stuttgart entwickelt. „Die Besucher konnten sich völlig gefahrlos direkt in das Modell der Maschine begeben“, erklärt Franz Mattes, Vertriebs- und Marketingleiter bei AIT. „Sie konnten sich direkt unter einen Greifer stellen, um ihm bei der Arbeit zuzusehen“, sagt Mattes.

Damit das Modell der Anlage auf die HoloLens gelangen konnte, mussten die Experten von AIT die Anlage aus gelieferten 3D-CAD-Daten nach und nach programmieren und mit Funktionen versehen. Das Ergebnis konnte sich buchstäblich sehen lassen: „Wir können uns sehr gut vorstellen, diese Art der Präsentation in Zukunft verstärkt einzusetzen“, freut sich Friedrich Mährlein, Senior Manager Controls bei Langhammer. „Der Vertrieb kann so beispielsweise auf diese Art Kunden neue Maschinen direkt in deren Umgebung zeigen, ganz egal wo auf der Welt sie sich befinden.“

AR in Kürze

Im Gegensatz zur Virtual Reality (VR), also vom Computer simulierten Szenarien, wie man sie von Online-Spielen kennt, werden bei Augmented Reality (AR) mit Hilfe von Datenbrillen oder –helmen, sogenannten Head Mounted Displays, künstliche Elemente in die reale Welt eingeblendet. Nutzer kennen das von ihren Smartphone-Apps, etwa für das Aufspüren und Fangen eines virtuellen Pokémons auf der echten Straße. Als Mixed Reality werden Systeme bezeichnet, die Informationen, Multimedia-Inhalte und Hologramme in den realen Raum projizieren, mit denen man in Echtzeit interagieren kann, wie etwa mit der Microsoft HoloLens.

Augmented-Reality- und Mixed-Reality-Anwendungen in der Praxis

Der Anlagenherstellen Langhammer ist ein gutes Beispiel dafür, wie Augmented-Reality- und Mixed-Reality-Anwendungen einen besonderen Nutzwert für mittelständische Firmen bringen können. Die Anlaysten von Deutsche Bank Resarch sagen dem Weltmarkt für Augmented Reality einen raketenartigen Aufschwung voraus – von rund 500 Millionen Euro Umsatz in 2016 auf sagenhafte 7,5 Milliarden Euro in 2020.

Der Markt ist also kräftig in Bewegung, und einige große Marktplayer sind auf Kauftour in Deutschland. Der US-Konzern Apple beispielsweise hat nicht nur den in Deutschland ansässigen und weltweit führenden AR-Anbieter Metaio gekauft, sondern kooperiert auch bei der Entwicklung einer AR-Brille mit dem deutschen Traditionsunternehmen Carl Zeiss. Apples Vorstoß in den AR-Markt ist nicht verwunderlich, denn US-Marktforscher von Juniper Research gehen davon aus, dass bereits 2018 mehr als 200 Millionen Nutzer AR-Apps wie Pokémon Go auf ihren Smartphones und Tablets nutzen werden.

Doch abgesehen von den Gaming-Fans: Es sind vor allem Unternehmen, die von der Verbindung der realen mit der virtuellen Welt profitieren. Die Palette der möglichen Anwendungen ist enorm: Sie reichen von neuen Produkte und Dienstleistungen bis zur Beschleunigung und Vereinfachung der internen Prozesse in der Logistik, in der Wartung und im Service.

Per AR-Datenbrille lassen sich auch Maschinen steuern. "Virtuelle Techniken für die Fabrik der Zukunft“: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung zeigte auf der CeBIT 2017 im Rahmen des Förderprogramms „IKT 2020 – Forschung für Innovationen" Realisierungen für das Zukunftprojekt Industrie 4.0 (© 2017 Deutsche Messe AG)

Die Anwendungen funktionieren zusammen mit einer Datenbrille von Herstellern wie Google, Microsoft, Vuzix oder Epson. Die Aufzugsmonteure von ThyssenKrupp beispielsweise arbeiten an real existierenden Aufzügen, während ein Hologramm des Bauplans direkt vor ihren Augen schwebt. Damit werden wichtige Daten aus dem Internet direkt in das Sichtfeld der Nutzer eingeblendet – die Hände haben sie frei für ihre Arbeit.

In der Logistik unterstützen die mobilen WLAN-Datenbrillen des Herzogenrather Anbieters PICAVI die Lagerarbeiter mit integrierten Displays. Auf diesen sehen sie kontextabhängig nur die für sie aktuell relevanten Informationen und werden so optimiert durch den gesamten Arbeitsprozess geleitet. Für jeden Pick, also Griff, werden ihnen die Art und Menge der Waren angezeigt. Zusätzlich verfügt die Datenbrille über einen Barcodescanner, der den richtigen Stellplatz erkennt. So werden Fehler vermieden und der Prozess erheblich beschleunigt.

Mitarbeiterzufriedenheit durch AR erhöhen

Ganz nebenbei lassen sich durch weniger Fehler nicht nur die Produktivität steigern, sondern auch die Mitarbeiterzufriedenheit erhöhen. Das belegen die Zahlen: Laut einer Studie des Cloud-Anbieters Rackspace mit der University of London steigern sie die Produktivität der Mitarbeiter um 8,5 Prozent und ihre Zufriedenheit um 3,5 Prozent.

Selbst Einzelhändler in der Fußgängerzone können von den Vorteilen durch Augmented Reality profitieren. Ein Beispiel zeigt die Firma Gesture Powered mit ihrem Magic Schaufenster: Es kombiniert die Gestenerkennung der Passanten vor der Auslage mit Augmented Reality. Das funktioniert so, dass Passanten vor dem echten Schaufenster per Gestensteuerung mit Hilfe eines Tiefensensors und der Software des Unternehmens auf dem Bildschirm dahinter ihre Kleidung auswählen können. Der Bildschirm verwandelt sich dann zum Spiegel, und der Passant kann sich dank Kamera selbst mit neuem Kleidungstück betrachten.

Der Window-Shopping-Spaß für potenzielle Kunden bietet Händlern handfeste Vorteile: „Wie ein Online-Shop können stationäre Geschäfte spielerisch ihre Angebote und Service rund um die Uhr präsentieren“, erklärt Mezut Yilmaz, Geschäftsführer des Anbieters Gesture Powered. Und bestenfalls kommen die Kunden zu Ladenöffnungszeiten zurück und kaufen das virtuelle anprobierte Kleidungsstück.

AR- und VR-Anwendungen für Industrie 4.0 vom Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD. Das Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD zeigte auf der CeBIT 2017 AR- und VR-Anwendungen für Industrie 4.0, Planungswerkzeuge für die Stadtentwicklung und Technologien zur effektiven Informationsvisualisierung. (© 2017 CeBIT / Deutsche Messe AG)

Einsatzgebiete von AR

Augmented Reality-Anwendungen verschmelzen reale und digitale Welt. Für Unternehmen ergeben sich damit zahlreiche Einsatzmöglichkeiten.

  • Navigation und Unterhaltung: Mit AR werden gedruckte Magazine interaktiv, sie bieten über QR-Codes mit Zusatzinfos angereicherte Videos. Als Navigationshilfe zeigen AR-Apps dem Fahrer, wo die Reise hingeht und was ihn auf der Strecke erwartet.
  • Werbung und Verkauf: Mit AR-Apps wird herkömmliche Print-Werbung interaktiv, analoge Produkte können mit der digitalen Welt verbunden werden, wie der Globus vom Columbus-Verlag.
  • Produktion und Logistik: Freie Hände haben Mitarbeiter beim Montieren mit sogenannten AR-Brillen. Sie projizieren ihnen die gewünschten Informationen direkt vors Auge. Datenbrillen beschleunigen ihre Orientierung und vermeiden Fehlgriffe im Logistiklager.
  • Service und Wartung: Smart Glasses greifen auf Informationen aus dem Web zu und führen ihren Trägern diese vor Augen. Das Mitschleppen von dicken Handbüchern oder das Nachschalgen auf dem Tablet entfällt, die Mitarbeiter haben die Hände frei für ihre Arbeit. Ein 3D-Sensor an der AR-Brille kann Handbewegungen des Trägers erkennen, sodass er mit sogar den eingeblendeten Objekten interagieren kann.

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