Schon ihre Mutter nannte sie als Kind „Fräulein Fröhlich“.  Heute noch ist die schlanke, lebhafte Frau mit den blonden Haaren und den stahlblauen Augen immer gut gelaunt. Sie lacht oft, auch über sich selbst, und nimmt kein Blatt vor den Mund. Unliebsame Wahrheiten verpackt sie charmant und serviert sie gekonnt mit einem Humor, so dass man ihr nichts übel nehmen kann.

Diese Eigenschaften kommen der 41-Jährigen zugute, wenn sie als Rednerin ihren Zuhörern den Spiegel vorhält und ihnen unverblümt sagt, wie „blöd“ sie sind. Ja, wie kann man sich von den digitalen Medien derart versklaven lassen, statt im Leben selbst den Takt anzugeben?

Sie weiß genau, wovon sie spricht. Sie ist 15 Jahre in der Internet-Branche unterwegs gewesen – als Journalistin, Start-up-Managerin, Kreativdirektorin, Agenturchefin und zuletzt Verlagsgeschäftsführerin. So hat sich Fräulein Fröhlich mit der Zeit in ein digitales Mädchen für alles gewandelt – und hat es noch nicht einmal bemerkt.

„Ich habe meine Mitarbeiter rund um die Uhr mit E-Mails bombardiert und erwartet, dass sie sofort reagieren“, sagt sie. Die anderen sollten immer on sein, so wie sie. „Als Heavy-User lässt man sich gern von den Medienmöglichkeiten durch den Tag treiben. Man hört nicht mehr auf den gesunden Menschenverstand.“

"Irgendwann gab es die ersten Zeichen von Burnout und Überforderung. Ihre Antwort darauf war radikal"

Sie „entrümpelte“ die eingesetzten Medien und führte strenge Offline-Zeiten ein. Um sich selbst zu therapieren, machte sie Urlaub im Funkloch und stellte fest: Abschalten geht!

Irgendwann stieg sie ganz aus dem Internet-Zirkus aus und schrieb ihren ersten Ratgeber, natürlich über den richtigen Umgang mit E-Mails. Es folgte bald das zweite Buch, das sich kritisch mit dem Internet-Ich ihrer Leser auf Facebook befasst. Heute nennt sich Anitra Eggler schlicht „Digital-Therapeutin“.

Eine Digitalverweigerin ist sie nicht, und sie predigt auch keine digitale Enthaltsamkeit. „Die Dosis macht das Gift“, lautet eine ihrer einfachen, aber zutreffenden Botschaften. In ihren Büchern und bei Vorträgen gibt sie Tipps, wie der Internet-geplagte Wissensarbeiter ein selbstbestimmtes Leben führen kann.

Sie selbst ruft nur zweimal am Tag ihre E-Mails ab, kommuniziert dies in ihrer Signatur und bittet um aussagekräftige Betreffzeilen. So kann sie die digitale Spreu vom Weizen trennen. Inzwischen buhlen Konzerne in Deutschland, Österreich und der Schweiz um den Rat der Digital-Therapeutin.

Die Mitarbeiter sollen von der Dauerablenkung durch E-Mails, Smartphones und Soziale Netzwerke befreit werden. Das kommt an, seit 2012 ist sie eine der 100 Top-Speaker im deutschsprachigen Raum. „Sprechen und schreiben macht mir Spaß“, sagt sie und freut sich, dass sie damit ihr Geld verdienen kann.

Sie hat sich den Erfolg und ihre Freiheit hart erarbeitet. Sie wollte immer Journalistin werden. In der Schule war sie die Chefredakteurin der Schülerzeitung. Nach dem Abitur 1992 wollte sie aber nicht studieren, sondern erst einmal leben und arbeiten – und das ausgerechnet in Buenos Aires.

"Ich habe vier Jahre Lebenszeit mit Mailen und Surfen vergeudet“, sagt sie.

Sie heuerte bei der ältesten deutschsprachigen Tageszeitung an und arbeitete sich innerhalb von drei Jahren hoch von der Expertin für Todesanzeigen über die Koch-Kolumnistin bis zur rechten Hand des Chefredakteurs. Bald fing es in Argentinien an wirtschaftlich zu kriseln. Also ging sie zurück, gewann ein Stipendium und studierte Internationale Kulturwirtschaft in Passau.

Sie zog in die Medienstadt München, als das Internet erstmals boomte. „Ich habe fast 15 Jahre lang rund um die Uhr gearbeitet, dabei vier Jahre Lebenszeit mit Mailen und Surfen vergeudet“, rechnet sie vor.

Im gemütlich getakteten Wien hat sie ihre Heimat gefunden. Weil die Stadt so schön entschleunigt – und auch, weil Wien sie an Buenos Aires erinnert. Einen neuen Ratgeber hat Eggler schon im Sinn: Einen Entschleuniger für alle Arbeits-, Lebens- und Liebeslagen. Die Welt ist voll von digitalen Junkies, ihnen will sie helfen, sich selbst zu helfen. Jetzt ist erst einmal ihr Herzensprojekt dran: ein Roman. „Es geht um Liebe, um Fluch und Segen des Online-Datings“, verrät sie. Zum Schreiben zieht sie sich auf eine mexikanische Insel zurück. Mit Funkloch, versteht sich.


 Anitra Eggler: Geboren1973 in Karlsruhe

  • Buchautorin: „E-Mail macht dumm, krank und arm: Digital-Therapie für mehr Lebenszeit“ (2012), „Facebook macht blöd, blind und erfolglos: Digital-Therapie für ihr Internet-Ich“ (2013)
  • Motto: Be a warrior, not a worrier (Sei ein Kämpfer und kein Angsthase)