„Glassholes“: Bruchlandung für Google

Das Getöse war groß, als Google im Sommer 2012 erstmals seine Datenbrille Google Glass präsentierte. Bei seiner jährlichen Entwicklerkonferenz ließ sich der IT-Riese wie gewohnt nicht lumpen. Auf der überdimensionalen Videoleinwand sah das Publikum spektakuläre Fallschirmsprünge – live übertragen via Google Glass. Anschließend landeten die Extremsportler sanft auf dem Dach des Gebäudes, in dem die Konferenz stattfand.

Spektakulär – doch rückblickend eine Menge Lärm um nichts. Denn für Google endete das Projekt keine drei Jahre später mit einer Bruchlandung: Bei Testgeräten verwackelte der eingespiegelte Bildschirm, der Akku machte schnell schlapp und die Sprachsteuerung war nicht ausgereift. Zu allem Überfluss wurden die Träger der Brille dann auch noch als „Glassholes“ tituliert – ein Wortspiel, zusammengesetzt aus dem Namen von Googles Datenbrille und dem englischen Schimpfwort. Die Brillen waren vielen ein Dorn im Auge, weil sie unbemerkt Fotos oder Videos aufnehmen konnten. Die Diskussion um Datenschutz ließ nicht lange auf sich warten.

Neustart mit der Firmen-Edition

Doch Google wäre nicht Google, wenn es einfach so aufgegeben hätte. Mit deutlich weniger PR-Getöse entwickelte der Internet-Gigant seinen auf der Nase sitzenden Minicomputer weiter, diesmal für den Einsatz in Unternehmen. Im Juli 2017 wurde schließlich die Glass Enterprise Edition enthüllt, nachdem sie zuvor von mehr als 50 Unternehmen verschiedenster Branchen zwei Jahre lang in der Praxis erprobt wurde. So setzt zum Beispiel DHL die Datenbrille zum sogenannten „Vision Picking“ bei der Kommissionierung im Lagerhaus ein. Der Logistikkonzern plant nun die Einführung in 2.000 Lagerhäusern weltweit.

Das Potenzial der Technik ist offenbar groß: AGCO, ein amerikanischer Hersteller von Landwirtschaftsmaschinen, spart nach eigenen Angaben dank der schlauen Sehhilfe zwischen 25 und 30 Prozent Zeit. Der Grund: Beschäftigte haben Anweisungen und andere Informationen für ihre Arbeit direkt vor ihrem Auge, anstatt sie umständlich nachschlagen zu müssen. Auch Volkswagen setzt die Datenbrille inzwischen im Regelbetrieb in seinem Wolfsburger Werk ein, wenngleich bislang nur in geringem Umfang. Die Brillen lesen Strichcodes und zeigen den Mitarbeitern zum Beispiel Teilenummern und Lagerinformationen direkt in ihrem Sichtfeld.

Telekom und Zeiss tüfteln an smarter Brille

Längst traut nicht mehr nur Google Augmented Reality (AR) über kurz oder lang den Durchbruch zu. Auch die Deutsche Telekom tüftelt zusammen mit dem Optikspezialisten Zeiss an einer smarten Brille für die erweiterte Realität. Die Telekom liefert mit dem zukünftigen 5G-Netz die Technik für die Netz- und Cloud-Anbindung der Datenbrillen. Zudem wird erforscht, wie die aktuell in der Brille eingebaute Technik künftig teilweise in die Cloud ausgelagert werden kann. Damit würde die smarte Brille wie eine gewöhnliche Brille aussehen.

Augmented Reality

Augmented Reality (AR) bedeutet übersetzt „erweiterte Realität“. Die Technologie reichert die Realität um computergenerierte Informationen an und blendet diese etwa auf dem Display einer Datenbrille, eines Smartphones oder eines Tablets ein. AR ist daher ein Zusammenspiel von digitalem und analogem Leben. Nutzer sind damit nicht komplett von der realen Umgebung abgeschottet wie mit einer Virtual-Reality-Brille.

Microsoft zielt auf beruflichen Einsatz ab

Das berufliche Umfeld hat auch Microsoft mit seiner Datenbrille HoloLens im Visier. Ein Pilotprojekt mit der Brille des Softwarekonzerns läuft etwa beim Bremer Logistikdienstleister PTS Logistics, der die Technik wie DHL in der Kommissionierung einsetzt. Lagerarbeiter scannen den QR-Code der benötigten Teile mithilfe der Brille, die daraufhin alle Informationen auf dem Display einblendet.

Augmented Reality reichert die Realität um computergenerierte Informationen an und blendet diese etwa auf dem Display einer Datenbrille, eines Smartphones oder eines Tablets ein. Augmented Reality reichert die Realität um computergenerierte Informationen an und blendet diese etwa auf dem Display einer Datenbrille, eines Smartphones oder eines Tablets ein. (© 2017 shutterstock / Zapp2Photo)

Und was macht Apple?

Erstaunlich ruhig, was Datenbrillen betrifft, blieb es bislang um Apple. Mehr als Gerüchte über eine AR-Brille aus Cupertino gibt es nicht. Auf seiner Entwicklerkonferenz WWDC stellte der Konzern allerdings zuletzt das „ARKit“ vor, mit dem Programmierer Augmented-Reality-Apps für iPhones und iPads entwickeln können. Der Schritt lässt vermuten, dass auch Apple hinter verschlossenen Türen an smarten Gläsern arbeitet. Schon einen Schritt weiter ist Blackberry, das künftig gemeinsam mit dem amerikanischen Unternehmen Vuzix smarte Brillen ausliefern will. Vuzix ist auf die Herstellung von Datenbrillen spezialisiert und hat im Januar seine neue Brille vorgestellt. Diese soll sowohl privat als auch in Fabriken oder Krankenhäusern genutzt werden. Blackberry könnte für die nötige Verschlüsselung bei der Datenübertragung sorgen.

Fest steht: Die Technik wird immer ausgereifter und auch für mittelständische Unternehmen allmählich bezahlbar. An anderer Stelle ist der Durchbruch bereits gelungen: Im August 2017 nahm der Duden das Wort „Datenbrille“ in sein Wörterbuch auf. Einiges deutet darauf hin, dass die smarten Gläser salonfähig werden – zumindest in der Fabrik.

Weiterführende Links:
Mixed Reality: Sieben Einsatzmöglichkeiten für Firmen