Herr Kayser, Sie haben kürzlich eine Studie zur Industrie 4.0 publiziert - Ergebnis: 60 Prozent der Unternehmen sind schlecht darauf vorbereitet. Die meisten sehen gar Risiken und nicht Chancen. Warum?

Die Digitalisierung der industriellen Wertschöpfung hat das Potenzial, bestehende Geschäftsmodelle in Frage zu stellen. Sie eröffnet aber auch Chancen für neue Anbieter und ihre innovativen Geschäftsmodelle. Dass dies für einige der etablierten Unternehmen zunächst einmal eine Umstellung bedeutet, ist logisch. Unsere Studie zeigt aber auch: Gerade die deutsche Industrie hat – durch ihren Fokus auf Qualität, ihre gut ausgebildeten Mitarbeiter, ihre Exportorientierung – gute Voraussetzungen, auch in der Industrie 4.0 prägend zu sein.

Laut Ihrer Studie investieren deutsche Unternehmen aber nur 14 Prozent ihres jährlichen Forschungsetats in für diese Themen. Warum finden Sie, das ist zu wenig?

Im internationalen Vergleich und im Verhältnis zu den erwarteten Umsatzanteilen durch Industrie 4.0-Anwendungen, der bei 19 Prozent liegt, ist dies unterdurchschnittlich. Die amerikanischen Unternehmen investieren mit 29 Prozent der Forschungs- & Entwicklungs-Ausgaben mehr als doppelt so viel in Industrie 4.0. Hier muss die deutsche Industrie aufpassen, nicht abgehängt zu werden.

Als größtes Hindernis wurde unter anderem das Wissen der Mitarbeiter gesehen. Welche Fachkräfte fehlen denn vor allem?

Durch die Digitalisierung der industriellen Produktion verkürzen sich auch die Produkt- und Innovationszyklen. Die Mitarbeiter in der Produktion müssen daher zumindest ein solides IT-Basiswissen haben. Um neue Geschäftsmodelle zu etablieren, müssen Firmen in der Lage sein, aus großen Datenmengen – wie sie in der Produktion anfallen – die relevanten Informationen herauszufiltern und diese nutzbar zu machen. Dies ist die typische Aufgabe eines Data Analyst – ein Spezialist, der in den kommenden Jahren sehr gefragt sein wird.

Manche Kollegen von Ihnen empfehlen, es müsste künftig einen Chief Digital Officer geben. In knapp jedem fünften Unternehmen gibt es den schon. Wie sehen Sie das?

Ob es einen eigenen CDO gibt oder nicht ist zunächst zweitrangig. Zentral für den Erfolg einer digitalen Transformation ist, dass es ein klares Bekenntnis der Geschäftsführung gibt und diese als Vorbild und Treiber der Umsetzung vorangeht.

Also lieber CEO als CDO?

Die Digitalisierung wird Teil eines jeden Geschäftsfelds werden und damit Einfluss auf jeden Unternehmensbereich haben. Diese Veränderung kann man deshalb nicht einfach auslagern, auch nicht an einen CDO, und ansonsten so weitermachen wie bisher.

Worin sehen Sie derzeit bei der Digitalisierung die größten Herausforderungen für mittelständische Unternehmen?

Unsere Studie hat ergeben, dass Unternehmen als größte Hindernisse auf dem Weg zur Industrie 4.0 das Wissen der Mitarbeiter sowie die fehlende Datensicherheit und einheitliche Datenstandards sehen. Dies gilt im besonderen Maße für Mittelständler, die auf Grund ihrer begrenzten Mittel im Werben um die begehrten Fachkräfte von morgen oft das Nachsehen gegenüber großen Konzernen haben.

Und das wirkt sich dann aus auf...?

Zum Beispiel auf die Datensicherheit: Attacken auf das IT-System nehmen zu und zielen künftig ins Herz der Produktion. Hier fehlt bei vielen Mittelständlern noch das Verständnis, angreifbar zu sein.

Eine Ihrer Empfehlungen lautet, deutsche Unternehmer müssten schneller werden. Das ist leichter gesagt als getan. Wie soll das gehen?

In der Vergangenheit hat es gereicht, die wichtigsten Wettbewerber aus der eigenen Branche zu kennen, langfristige Marktchancen zu identifizieren und die eigene Entwicklungsarbeit daraufhin zu planen. Diese Zeiten sind vorbei. 92 Prozent der US-Unternehmen, aber nur knapp die Hälfte der deutschen Unternehmen erwarten laut unserer Studie, dass branchenfremde Angreifer – beispielsweise die großen IT-Konzerne – sie in ihrem Kerngeschäft attackieren werden. Diese Unternehmen entwickeln und aktualisieren ihre Produkte im Wochen-, nicht im Jahresrhythmus. Sich auf diese Geschwindigkeit einzustellen, ist für die traditionellen Industrieunternehmen Voraussetzung, um bei Industrie 4.0 vorne dabei zu sein. Es ist klar, dass dies auf Prozess- und Organisationsseite ein Kraftakt ist – daher ist es so wichtig, dass die digitale Transformation von der Vorstandsebene initiiert, vorangetrieben und begleitet wird.

Herr Kayser, Danke für das Gespräch.