Warum ist der digitale Wandel für uns in Deutschland so immens wichtig?

Er ist wichtig, weil wir uns längst im Zeitalter der Digitalisierung befinden. Das bedeutet: Alles, wird digital, wirklich alles. Und alles, was vernetzbar ist, wird vernetzt. Mein Eindruck ist, dass wir in Europa die Digitalisierung noch mutiger in Angriff nehmen müssen: Die digitale Revolution wird kommen, weil sie einen hohen Kundennutzen und Produktionsvorteile hat. Und wenn wir als Europäer das nicht machen, wird irgendwer anders die Chance nutzen.

Das klingt, als ob wir uns in einem globalen Wettrüsten befänden?

Mir gefällt der Begriff nicht. Es geht darum, die richtigen Antworten auf die Digitalisierung zu finden. Und da müssen wir in Europa aufpassen, dass wir nicht im globalen Wettbewerb ins Hintertreffen geraten.

Sie sprechen hier die Kluft zwischen uns und den Wettbewerber aus den USA an?

Richtig: Google ist an der Börse mehr wert als alle europäischen Telekommunikationskonzerne zusammen. Wir müssen uns fragen: Wer organisiert die Daten? Wer stellt die Endgeräte her? Wer besitzt und betreibt die Netze? Welches Land bietet die beste Infrastruktur? Durch die Digitalisierung werden in nicht mehr allzu ferner Zukunft alle Geräte mit dem Internet verbunden sein. Dadurch können Maschinen zielgerichtet gesteuert werden, dadurch wird aber auch vieles automatisiert ablaufen. Es werden Arbeitsplätze wegfallen und neue entstehen. Die Frage ist nur wo? Deswegen ist es wichtig, jetzt schon die nötigen Weichenstellung vorzunehmen. Daten werden das Öl des 21. Jahrhunderts sein, und ich möchte nicht, dass in Europa gefördert wird und in den USA die Veredelung und Wertschöpfung stattfindet.

Sie legen den Fokus auf Geschäftskunden, vor allem auf den Mittelstand. Warum?

Wir haben die Verantwortung, alles zu tun, um Deutschland im Bereich TK und IT im globalen Wettbewerb sicher und zukunftsfähig zu machen. Hier spielt der Mittelstand als Stütze der Wirtschaft eine zentrale Rolle. Wir wollen Betriebe und Unternehmen stärker an die Hand nehmen und ihnen die Berührungsangst vor aufwendigen IT-Lösungen nehmen.

Unsere Wirtschaft lebt vor allem von der Innovationskraft der vielen mittelständischen Betriebe.
Wie kann die Telekom den Motor Mittelstand konkret befeuern?

Indem wir uns als Partner in einer zunehmend digitalisierten Welt verstehen. Wir helfen, die großen Umbrüche zu bewältigen. Wir wollen die Unternehmen beim Einstieg in die digitale Welt unterstützen und sie beraten, wie sie Prozesse schrittweise umstellen können.

... Und wie konkret?

Unsere neuen Digitalisierungspakete zum Beispiel, die wir zur CeBIT vorgestellt haben, sind exakt auf die Bedürfnisse der vielen Mittelständler zugeschnitten und decken alle Bereiche ab wie Netz- und IT-Infrastruktur, Anwendungen aus der Cloud, Sicherheit und Support. Wir wissen sehr wohl, wie der digitale Wandel Prozesse, Geschäftsmodelle und Kostenstrukturen verändert. Unsere mittelständischen Geschäftskunden sollen sich nicht mit komplizierter Technik auseinandersetzen müssen. Das ist unsere Sache, das können wir.

Was plant und setzt die Telekom in Sachen Innovation und Technik derzeit um?

Wir investieren massiv in den Netzausbau. Wir beschäftigen die besten Netzwerkingenieure weltweit, wir arbeiten in diesem Jahr auf rund 52 000 Baustellen zum Breitband-Ausbau, wir werden alle ICE-Züge mit dem schnellen Mobilfunkstandard LTE ausstatten. Und wir rüsten als einer der ersten Festnetzanbieter der Welt unsere Netze auf die überlegene IP-Technik um. Dafür nehmen wir jährlich vier Milliarden Euro in die Hand. Eine gewaltige Summe, die wir allein in Deutschland sozusagen verbuddeln und in Antennen investieren. Das alles ist nicht sichtbar. Aber ich sage immer, würde die Telekom Hallen und nicht Netze bauen, würde an jeder Autobahnausfahrt in Deutschland eine Halle von uns entstehen.

„Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts. Ich möchte aber nicht, dass in Europa gefördert und nur in den USA die Wertschöpfung stattfindet“, sagt Timotheus Höttges. „Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts. Ich möchte aber nicht, dass in Europa gefördert und nur in den USA die Wertschöpfung stattfindet“, sagt Timotheus Höttges. (© 2015 Ruediger Nehmzow/laif)

Das sind Mammutaufgaben. Geht das im Alleingang?

Natürlich nicht, deswegen öffnen wir uns. Wir wollen so etwas wie eine Steckerleiste bieten, an die sich unsere Partner, ob etablierte Konzerne oder junge Start-ups einfach andocken können. So werden Partnerschaften leichter. Offene Plattformen haben den Vorteil, dass Sie den Kunden nicht vorschreiben, sich auf Produkte oder Dienste einer Firma festzulegen. Unser E-Book-Reader Tolino zum Beispiel hat den deutschen Verlagen geholfen, sich von der Übermacht der US-Konzerne zu emanzipieren. Das gleiche machen wir etwa mit Qivicon, der Plattform für das vernetzte Haus. Das zeigt: Europa hat gute Chancen, von der Digitalisierung zu profitieren.

Timotheus Höttges Timotheus Höttges (© 2015 Rüdiger Nehmzow/laif)

 
Zur Person:
Timotheus Höttges
1989: Höttges startet bei der Manage­mentberatung Mummert & Partner.
1992: Er wechselt zur Viag Gruppe, wo er bis 2000 verschiedene Positionen innehat.
September 2000: Höttges wird Finanzchef bei T-Mobile Deutschland und gleichzeitig Mitglied des Vorstands.
März 2009: Er steigt zum Finanzvorstand bei der Deutschen Telekom AG auf und ist zuständig für Finanzen und Controlling.
Januar 2014: Höttges tritt als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom die Nachfolge von René Obermann an.