Chris Dancy aus Brentwood, Tennessee, gilt als vermessen – im technischen Sinne des Wortes. Über 700 Sensoren besitzt der Amerikaner, die rund um die Uhr sein ganzes Leben aufzeichnen. Gemessen daran, was dabei rauskommt, klingt Orwells Überwachungsstaat wie ein Tag im Kindergarten. Dancys Datensammler zeichnen seine Vitalwerte auf, registrieren seine Schlaf- und Wachphasen, speichern seine Ess- und Trinkgewohnheiten – eigentlich alles, was er sagt, schreibt, sieht und fühlt.

Dancy trägt jede Menge Geräte direkt am Körper: Datenbrille, Fitnessarmband, Smartwatch mit vielen Apps und weitere sogenannte Wearables, also mit Sensoren bestückte Gegenstände, die unaufhörlich Informationen sammeln und diese über eine Schnittstelle via Internet an einen Computer zur Auswertung weiterleiten.

Der erste gläserne Mensch

Seit 2008 zeichnet der Softwareentwickler alles akribisch auf. Dancy macht das freiwillig, mit dem Ziel, sich zu optimieren. Er weiß zum Beispiel genau, zu welcher Uhrzeit er noch etwas trinken kann, ohne mitten in der Nacht aufstehen zu müssen. Sein Leben ist zum Wikipedia seiner selbst geworden, das er jederzeit nachschlagen kann.

Chris Dancy sammelt seit acht Jahren alle Daten über sich. Dafür trägt er ein halbes Dutzend Sensoren am Körper. Chris Dancy sammelt seit acht Jahren alle Daten über sich. Dafür trägt er ein halbes Dutzend Sensoren am Körper. (© 2016 Annika Heine)

Das Datensammeln fing damit an, dass sein Arzt seine Gesundheitsdaten nicht richtig aufzeichnen konnte. Also nahm Dancy die Sache selbst in die Hand – und irgendwie fand er kein Ende mehr. Heute gilt er als erster echt gläserner Mensch der Moderne.

Selbstverständlich hat Dancy auch sein Haus vernetzt. Mit einer iPhone-App regelt er das Licht und die Temperatur, er selbst ist quasi die menschliche Schnittstelle, wenn es ihm zu warm oder zu kalt wird. Daten, die nicht veröffentlicht werden, speichert er trotzdem vorsorglich in seinem „Innernet“, wie er es nennt. „Ich werde oft gefragt, ob jeder in Zukunft so sein wird wie ich. Meine Antwort: Jeder ist heute schon so wie ich – nur dass jemand anderes Big-Brother-mäßig seine Daten erfasst: über sein Smartphone, seine Elektronik im Auto oder seine Kreditkartenbewegungen.“ Dancys eigene Datenerhebungen seien dagegen eher wie „Big Mother“, also eine Beziehung zwischen Mutter und Kind zu dessen Bestem.

Durch die Auswertung seiner gesammelten Daten schaffte er es bereits, etliche Kilos abzuspecken und sogar mit dem Rauchen aufzuhören. Chris Dancy ist längst nicht der Einzige beim sogenannten Selbstquantifizieren, wenn auch der Exzessivste: Seit 2007 existiert in Kalifornien die „Quantified Self“-Bewegung, die Anhänger und Gruppen rund um den Globus hat.

Sonys SmartBand 2 misst die Herzfrequenz und kann seinen Träger dank integrierter Weckfunktion sogar sanft aus dem Schlaf aufwecken. Sonys SmartBand 2 misst die Herzfrequenz und kann seinen Träger dank integrierter Weckfunktion sogar sanft aus dem Schlaf aufwecken. (© 2016 Sony)

Keine Frage: Wearables und Fitnessbänder gelten als das nächste große Ding. Besonders beliebt sind derzeit Fitness- und Gesundheitsanwendungen fürs Smartphone. Nach einer repräsentativen Umfrage von Bitkom Research nutzt bereits fast jeder dritte Bundesbürger Fitness-Tracker, um seine Gesundheit und sein Training zu verbessern.

„Das größte Potenzial von Wearables liegt in der Prävention von Krankheiten und in der medizinischen Versorgung von Patienten“, sagt Bitkom-Geschäftsführer Bernhard Rohleder. Tatsächlich wären drei Viertel der Befragten auch bereit, bei Krankheit ihre gemessenen Vitalwerte an ihren Arzt zu schicken. Bei chronisch Kranken sind es sogar 93 Prozent.

"Die verbindliche Einführung eines einfachen Online-Checks würde viele Leben retten."

Axel Wehmeier

Geschäftsführer Telekom Healthcare Solutions

Axel Wehmeier Axel Wehmeier (© 2016 Deutsche Telekom)

Experten warnen jedoch davor, die persönlichen Daten allzu freigebig preiszugeben. Keiner weiß heute, wie sich das in Zukunft auswirken kann. „Dank Big-Data-Anwendungen werden bereits allerlei Daten von Kunden und Konsumenten in Verhaltens- und Falldatenbanken gesammelt“, warnt Datenexperte Michael Atzert, Assistent der Geschäftsführung der Gesellschaft für Datenschutz und Datensicherheit e.V. (GDD) in Bonn. „So könnten vom Arbeitgeber verschenkte Fitnessarmbänder später dazu führen, dass den Mitarbeitern höchstvorsorglich gekündigt wird, nur weil ihre Schritthäufigkeit laut der Verhaltensdatenbanken und des Prognosemodells für ein beginnendes Hüftleiden und langsameres Arbeiten in der nahen Zukunft spricht.“

"Unsere hochsensiblen Gesundheitsdaten gilt es besonders zu schützen."

Heiko Maas
Bundesminister der Justiz und für Verbraucherschutz/cite>

Schon stehen die ersten Versicherer wie die Generali parat. Sie bieten ihren Kunden Bonuspunkte gegen Gesundheitsdaten an. Das rief gleich Verbraucherschutzminister Heiko Maas auf den Plan: Er ließ vom Meinungsforschungsinstitut YouGov eine Verbraucherbefragung zum Thema durchführen. Ergebnis: Nicht nur, dass viele Anwender falsche Messwerte (32 Prozent) und falsche Gesundheitsratschläge (31 Prozent) befürchten. 39 Prozent sehen die Verwendung der Daten durch Dritte sogar als Problem.

Garmin Forerunner 235, Die Sportuhr vom renommierten Navigeräte-Hersteller Garmin soll sich als Trainingspartner besonders für Läufer bewähren. Dafür lassen sich etwa Trainingspläne von Garmin Connect direkt auf die Uhr laden. Garmin Forerunner 235, Die Sportuhr vom renommierten Navigeräte-Hersteller Garmin soll sich als Trainingspartner besonders für Läufer bewähren. Dafür lassen sich etwa Trainingspläne von Garmin Connect direkt auf die Uhr laden. (© 2016 Garmin)

Rund ein Drittel ist der Meinung, dass die persönlichen Gesundheitsdaten niemanden etwas angehen, und fast die Hälfte der Befragten wollen selber bestimmen, wer ihre Gesundheitsdaten überhaupt erhält. Die Studie zeigt deutlich: Fitness- und Gesundheitsdaten gelten heute noch als Teil der Privatsphäre. „Das bedeutet, dass man bei Krankenversicherungen keine Nachteile haben darf, weil man seine Gesundheitsdaten nicht zur Verfügung stellt“, betont Justizminister Maas.

Ein weiteres Potenzial von Wearables liegt bei Unternehmen. Im Business könnten die neuen Hightechprodukte für einen besseren Zugang zu Informationen sorgen. Laut einer Studie des Cloud-Anbieters Rackspace mit der University 
of London steigern britische Unternehmen die Produktivität ihrer Mitarbeiter um 8,5 Prozent und ihre Zufriedenheit um 3,5 Prozent, wenn sie Wearables einsetzen.

Für Firmen ergeben sich zahlreiche neue Anwendungsszenarien: Mitarbeiter mit Datenbrillen und sogenannten AR-Anwendungen (Augmented Reality) können schon heute komplexe Maschinen besser warten. In Berufen mit hohen körper-lichen Belastungen während des Einsatzes wie bei der Feuerwehr könnten zum Beispiel die Vitalfunktionen systematisch kontrolliert werden.

Das lässt sich bereits heute bei Chris Dancy nachschauen: Auf seiner Website (chrisdancy.com) läuft unter dem Menüpunkt „Data“ eine Lebensuhr und eine Auswahl seiner aktuell erfassten Daten: Er ist exakt 47,5776689 Jahre alt, ging in der vergangenen Woche in der Regel zwischen 9000 und 16 000 Schritte am Tag, trinkt seinen Kaffee gern bei Starbucks und isst seinen Burger bei Wendy’s. So viel darf jeder wissen.

Neil Harbisson Neil Harbisson (© 2016 Lars Norgaard for the Guardian)

Der erste menschliche Cyborg

Der Künstler Neil Harbisson nennt sich selbst einen „sonochromatischen Cyborg-Künstler“. 
Der Katalane wurde farbenblind geboren. Ein Sensor, der in seine Schädeldecke implantiert wurde, wandelt Farben in hörbare Frequenzen um. Statt eine Welt in Graustufen zu sehen, kann Harbisson eine Farbsymphonie hören – und sogar Gesichtern und Bildern lauschen.