Humanoide Roboter

Wer kürzlich am Tokioter Flughafen Haneda landete, war plötzlich in der Zukunft. Dort wurden die Fluggäste von humanoiden Robotern empfangen. Dank künstlicher Intelligenz sind sie in der Lage, Stimmen und Bilder zu verarbeiten. Sie beantworten geduldig die Fragen der Reisenden und begleiten sie auf Wunsch rollend zum gesuchten Gate. Etwas Ähnliches erleben die Besucher am CeBIT-Stand von Hitachi auf der diesjährigen CeBIT: Sie werden empfangen von EMIEW3 – einem 90 Zentimeter großen Roboter mit roter Hochsteckfrisur, der einer Geisha ähnelt. Hitachi ist eines der 118 Unternehmen und Organisationen aus dem Land des Lächelns, die in diesem Jahr mit nie dagewesener Stärke in Hannover ihre Produkte, Dienstleistungen und Technologien präsentieren.

Mein Freund, der Roboter

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den japanischen Premierminister Shinzō Abe eingeladen, mit ihr die CeBIT zu eröffnen. Premier Abe wird mit viel Hightech-Prominenz nach Hannover reisen. Zum Beispiel mit Professor Hiroshi Ishiguro, einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Robotik und Direktor des Intelligent Robotics Laboratory an der Universität in Osaka. Zur Delegation gehören auch Minoru Usui, President von Epson, und Shoei Yamana, President und CEO von Konica Minolta.

Der renommierte Forscher Ishiguro kommt sogar in Begleitung seines eigenen Roboter-Doubles. Er wird auf den CeBIT Global Conferences (Halle 8) die polarisierende Frage stellen, ob der Mensch zum Auslaufmodell wird. Ishiguro will mit seinen menschenähnlichen Robotern nicht nur einfache Alter Egos bauen. Er will sie auch mit Sozialfähigkeiten ausstatten, sodass sie zu Freunden werden können.

Ishiguro_Credit-EPA Der japanische Forscher Ishiguro (rechts im Bild) und sein Roboter-Double. (© 2017 EPA)

Seit Jahren gehört Japan zur Hightech-Weltspitze. Das Land verfügt über innovative Industrien und Forschungseinrichtungen, die die Entwicklung des autonomen Fahrens und der Robotik federführend weiterentwickeln. 2014 führte das Kabinett von Premier Abe das Regierungsprogramm „Society 5.0“ ein, das die Digitalisierung im Land noch weiter beschleunigen soll. Aber nicht nur Forschung und Entwicklung wird in Japan vorangetrieben. Auch ethische, moralische und wirtschaftliche Aspekte der Digitalisierung – wie das generelle Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine – sollen einen höheren Stellenwert erhalten und stärker in der Gesellschaft verankert werden. Das Ziel: Bis zu den Olympischen Sommerspielen in Tokio im Jahr 2020 will sich Japan zu einer der weltweit fortschrittlichsten Gesellschaften entwickelt haben.

Gemeinsame Allianz

Deutschland und Japan pflegen langjährige und gute Handelsbeziehungen: Nach Angaben des Bitkom wurden im vergangenen Jahr Informationstechnologieprodukte im Wert von 1,3 Milliarden Euro aus Japan nach Deutschland importiert – ein Anstieg um gut 19 Prozent. Nach Japan wurden Waren im Wert von 270 Millionen Euro ausgeführt, ein Plus von rund 15 Prozent. Des Weiteren forschen Japan und Deutschland gemeinsam in vielen zukunftsweisenden Feldern. Zum Beispiel in den Umwelt- und Materialwissenschaften, den Lebens- und Sozialwissenschaften sowie in der Robotik. Konkrete Ergebnisse gibt es etwa beim deutsch-japanischen Universitätsnetzwerk HeKKSaGOn: In ihm wurden Haushaltsroboter entwickelt, die Essen servieren und Getränke ausschenken können. Mit der Präsenz in Hannover sollen nun auch Kooperationen auf Unternehmensebene angestoßen werden, wie sie Japan bereits mit US-Unternehmen wie IBM und Microsoft pflegt.

Große Begeisterung für Technik

Es sieht ganz so aus, als würde das auch klappen. Seit jeher sind Japaner viel offener für Innovationen als manch andere Nation. Die kleinen Roboter Pepper und NAO vom Mischkonzern SoftBank zum Beispiel werden bereits als erste Ansprechpartner für Kunden in Banken und Geschäften eingesetzt. Für viel Aufsehen sorgte 2014 die Eröffnung des weltweit ersten von Robotern gemanagten Hotels Henn-na im Vergnügungs- und Freizeitpark Huis Ten Bosch in Sasebo bei Nagasaki.

nao-and-pepper_Credit-SoftBank Mit dem Kunden im Gespräch: Die Roboter Pepper (vorn) und NAO werden als erste Ansprechpartner für Kunden in Banken und Geschäften eingesetzt. (© 2017 Softbank)

„Die Menschen in Japan nutzen neue Techniken mit Begeisterung. „Davon können wir Deutschen lernen.“

Thorsten Dirks
Präsident Digitalverband Bitkom

Die Technikaffinität der Japaner hat einen praktischen Hintergrund: Die Gesellschaft ist überaltert. Innovative Lösungen und Dienste sollen das Leben und Arbeiten der Bevölkerung in Zukunft erleichtern und den demografisch bedingten Fachkräftemangel beheben. Daher investiert Japan verstärkt in digitale Zukunftsthemen wie intelligente Assistenzsysteme, künstliche Intelligenz und das Internet der Dinge. Die neuen, ganz und gar beeindruckenden Resultate zeigen die über 100 Aussteller nun in Hannover.

Präsentiert werden unter anderem Entwicklungen aus den Bereichen Sensortechnologie, biometrische Authentifizierungstechnologie, kommunizierende Roboter, Exoskelette, persönliche Mobilitätslösungen und Drohnen. Rund die Hälfte der Aussteller sind kleine und mittelständische Unternehmen – einige von ihnen treten sogar erstmals in Europa auf.

Schöne neue Welt

Organisiert wird die große Leistungsschau aus Nippon von der japanischen Außenhandelsorganisation JETRO. Auf einer Gesamtfläche von rund 7.200 Quadratmetern ist ein riesiger Gemeinschaftsstand geplant, der Besucher unter dem Motto „Create a New World with Japan – Society 5.0, Another Perspective“ anlocken soll.

Japera-Foliensensor-1 Der flexible Foliensensor von JAPERA kann gleichzeitig Druck und Temperatur messen. (© 2017 Japera)

Die Highlights des Gemeinschaftsstandes:

  • Erster Roboterrollstuhl: NEDO ist eine der größten japanischen Organisationen für neue Energien und Technologieentwicklung. Sie zeigt unter dem Motto „Global Solutions for the Next“ Neuheiten in den Bereichen Sensoren, Smart Devices und IoT-Technologie. Zu bestaunen ist der weltweit erste Roboterrollstuhl RODEM von Tmsuk für Menschen mit stark eingeschränkter Mobilität.
  • Exoskelett-Anzug: Genauso beeindruckend ist der Exoskelett-Anzug HAL von Cyberdyne, der seit Ende Januar am Tokioter Flughafen Narita im Einsatz ist. Flughafenmitarbeiter tragen ihn, um ihren Rücken beim Heben und Tragen von schweren Koffern zu entlasten. Im medizinischen Bereich hilft der Anzug, die neurophysiologischen Gehirnfunktionen zu regenerieren und sogar zu verbessern. Dazu misst er mittels Sensoren die Nervensignale seines Trägers und unterstützt dessen Bewegungen.
  • Foliensensor: Sehenswert ist auch JAPERAs flexibler Foliensensor, der aus einem 3-D-Drucker stammt. Das neuartige Material kann gleichzeitig Druck und Temperatur messen. Ursprünglich zur simultanen Erfassung der Verteilung von Druck und Temperatur in Flugzeugen entwickelt, soll die im 3-D-Druckverfahren hergestellte Folie künftig in der Rehabilitation sowie in der Alten- und Krankenpflege eingesetzt werden.
  • Kollaborierender Roboter: Der Roboter NEXTAGE kommt von Kawada Robotics. Er steht Menschen als kollaborierender Roboter (Cobot) zur Seite und übernimmt monotone, sich ständig wiederholende Tätigkeiten.
  • Dreidimensionale Kleidungsstücke: Als „Hightech-Strickliesel“ kommt die kompakte Maschine SWG061N von SHIMA SEIKI daher: Sie strickt dreidimensionale Kleidungsstücke wie Socken oder Mützen an einem Stück und ohne Nähte. Zudem ist sie in der Lage, hochkomplexe technische Textilien zu produzieren.
  • Konzeptstudien: Außer seinen Cobots zeigt Yaskawa in einer Konzeptstudie die ungeheuren Potenziale individualisierter Fertigung in Echtzeit. Auf dem Messestand montieren emsige Miniroboter Modellautos – getreu nach Wunsch der Messebesucher. Während auf dem Tablet der jeweilige Konstruktionsplan vervollständigt wird, startet bereits die Produktion des gewünschten Fahrzeugs. Währenddessen kann der „Auftraggeber“ die aktuelle Leistung aller Komponenten und Sensoren innerhalb der Produktionslinie in Echtzeit überwachen.
exoskelett-HAL-Cyberdyne Der Exoskelett-Anzug HAL hilft etwa Mitarbeitern am Flughafen Tokio um ihren Rücken beim Heben und Tragen von schweren Koffern zu entlasten. (© 2017 Cyberdyne)

Neben den Produktneuheiten aus dem Land des Lächelns ist der Japan-Germany ICT Summit ein Höhepunkt auf der CeBIT. Er findet am ersten Messetag statt und gibt Ausstellern und Besuchern die Gelegenheit, die Zusammenarbeit im Bereich der Informationstechnologie zu stärken, zukunftsorientierte Kooperationsmöglichkeiten zu diskutieren und gegenseitige Investitionen auf Unternehmensseite anzuregen. „Japan ist ein interessanter Handelspartner für die deutschen ITK-Unternehmen“, sagt Bitkom-Präsident Dirks. „Hier können sich gerade Mittelständler und Start-ups austauschen.“