Das Prinzip: Ich will immer alles, sofort und überall. "Unternehmen, die sich diesem Verhalten anpassen und dafür Services anbieten, können mit dem Kunden adäquat kommunizieren", sagt Digitalisierungsexperte Land. „Keine technologische Veränderung der letzten Jahrzehnte schneidet so massiv und nachhaltig in bestehende Strukturen, Prozesse sowie auch in lieb gewonnene Gewohnheiten ein wie die Digitalisierung. Unabhängig von der Branche kann jeder etwas tun“, rät Land. „Die Größe spielt keine Rolle. Die Welt wird jetzt sozusagen neu verteilt.“

"Der Kunde ist heute ein mobiler Kunde, ein Connected Customer, der informiert ist und auch eine entsprechende Erwartungshaltung hat."

Karl-Heinz Land
Digitalisierungsexperte

Herr Land, warum sollte ein Marktführer sein bewährtes Geschäftsmodell in Frage stellen und die Digitalisierung wagen?

Karl-Heinz Land: Ich kann jedem raten, seine Produkte selber in Frage zustellen, bevor es jemand anderes tut. Denn, ob man will oder nicht, das wird passieren. Wir stecken mitten in einer digitalen Revolution. Das bedeutet: Alles, was digitalisiert werden kann, wird auch digitalisiert werden. Und die Digitalisierung hat zwei Nebeneffekte: Transparenz und Convenience. Die entmaterialisierten Produkte werden zu Software und sind sofort auf der ganzen Welt verfügbar, und sie sind bequem für die Kunden. Ob Schlüssel oder Flugticket – sie werden einfach als App auf dem Handy gespeichert. In der Konsequenz bedeutet Digitalisierung, dass die gesamte bisherige Wertschöpfungskette in Frage gestellt wird – vom Endprodukt über die Produktionsmaschinen bis zu den Rohstoffen und der Logistik.

Jüngst veröffentlichte Land das Buch "Dematerialisierung - Die Neuverteilung der Welt in Zeiten des digitalen Darwinismus." Jüngst veröffentlichte Land "Dematerialisierung - Die Neuverteilung der Welt in Zeiten des digitalen Darwinismus." (© 2015 Eric Remann) - Copyright: Eric Remann

Wonach können sich Unternehmen richten? Gibt es Vorzeigebranchen, die auf dem richtigen Weg der Digitalisierung sind?

Karl-Heinz Land: Ganz unabhängig von der Branche kann jeder etwas tun. Auch die Größe spielt bei der Digitalisierung überhaupt keine Rolle. Die Welt wird sozusagen neu verteilt. Wer die Chancen erkennt und entsprechend handelt, gewinnt. Kodak beispielsweise hatte die Digitalfotografie zwar erfunden, aber Angst, sein eigenes Geschäft mit Filmen zu kanibalisieren. Das Ergebnis: Ein anderer, nämlich CEWE COLOR, hat die Situation rechtzeitig erkannt und seine Chance ergriffen. Heute ist die Firma Marktführer bei der Digitalfotografie.

Aber ganz konkret: Wie sollte ein mittelständisches Unternehmen vorgehen?

Karl-Heinz Land: Ich empfehle, zuallererst die Dinge aus der Sicht des Kunden zu schauen, nicht aus der Sicht des Produkts oder der Effizienz. Wenn ich clever bin, kann ich in Märkte eintreten, die mir früher nie in den Sinn gekommen wären. Beispiel Airbnb: Der Online-Zimmervermittler hat im letzten Jahr mehr Übernachtungen verkauft, als die gesamte Hilton-Group. Und das, obwohl sie nicht ein einziges Bett besitzen! Der Trick: Sie verkaufen kein Produkt, sondern einen Service.

Karl-Heinz Land machet in seinen Büchern Mut, eigene Ideen auszuprobieren, solange der Markt Fehler von Unternehmen noch verzeiht. Land macht in seinen Büchern Mut, Ideen auszuprobieren, solange der Markt Fehler von Unternehmen noch verzeiht. (© 2015 Eric Remann) - Copyright: Eric Remann

Karl-Heinz Land: Die Schweizer Zahnarztpraxis Dr. Müller & Dr. Weidmann wollten ursprünglich nur ihre Papier-Krankenakten digitalisieren und Platz sparen. Mit den verfügbaren Lösungen waren sie aber nicht zufrieden, also entwickelten sie eine eigene Software, die sie jetzt auch an andere vermarkten. Aktuelles Beispiel ist das Deutsche Modeinstitut in Köln. Mit seinen 15 Mitarbeitern ist es gerade dabei, Weltmarktführer bei digitaler Farbe zu werden. Sie wollten die langwierigen Wege des Farbmusterversands für Produzenten rund um den Globus vereinfachen und haben ein Verfahren entwickelt, mit dem sie Farben und Strukturen eindeutig digital übertragen können. Das wird die Modewelt revolutionieren!

Wo stößt die Digitalisierung an ihre Grenzen?

Karl-Heinz Land: Die Digitalisierung endet dort, wo Menschen physische Produkte erwarten wie Lebensmittel, Autos, Schreibtische. Aber wir können uns nicht sicher sein, ob und wie wir diese Produkte morgen nutzen und wie sie hergestellt werden. Ein 3-D-Drucker kann bereits vieles, und vielleicht brauchen wir ja gar keinen Schreibtisch mehr, weil wir nicht mehr ins Büro fahren...