Einer schleppt, einer packt: In den modernen Logistikzentren von Amazon herrscht ein wuseliger Betrieb. Ein orangefarbenes Robotergeschwader der aufgekauften Firma Kiva huscht wie große Saugroboter durch die Reihen. Jeder von ihnen zielt den für sich bestimmten Regalturm mit der georderten Ware an, schieb sich darunter, hebt ihn an und bringt ihn an den richtigen Packbereich. Dort übernimmt der Mensch die Feinarbeit: er nimmt die Ware aus dem Regal und verpackt die Online-Bestellung samt der Papierbelege. 15.000 Roboter stark ist Amazons neue Roboter-Armee. Die Maschinen nehmen den Menschen lange Wege und schwere Lasten ab. Damit will Amazon die Produktivität um das Drei- bis Vierfache steigern.

Die Kiva-Transportroboter nehmen den Menschen in den Logistikzentren von Amazon lange Wege und schwere Lasten ab Die Kiva-Transportroboter nehmen den Menschen in den Logistikzentren von Amazon lange Wege und schwere Lasten ab (© 2015 Kiva)

Eine clevere Idee im boomenden E-Commerce, denn die Lagerhaltung gilt als Flaschenhals der ansonsten reibungslosen Logistikkette. Und sie gilt als Biotop für Roboter. Wie die Online-Befragung „Robo-Scan 14“ des Bremer Instituts für Produktion und Logistik GmbH an der Universität Bremen (BIBA) ergab, planen bis 2019 alle Logistiker, bis 2019 mindestens eine Roboterlösung einzusetzen. Zu ihren typischen Aufgaben gehören bereits heute Fahren und Stapeln von schweren Frachten, wie Amazons feststehender Roboterarm „Robo Stow“, der ganz Paletten eine Etage höher verfrachtet.

Der cubeXX fungiert auch als Niederhubwagen Der cubeXX fungiert auch als Niederhubwagen (© 2015 Still GmbH)

Auf der Hannover Messe wurden 2015 einige Neuheiten präsentiert, wie etwa „cubeXX“ des Hamburger Gabelstaplerhersteller Still. Gleich sechs Fahrzeuge in einem bietet dieses Roboterfahrzeug. Was gerade gebraucht wird – Gegengewichtstapler, Horizontalkommissionierer, Hochhubwagen, Routenzug, Doppelstockfahrzeug oder Niederhubwagen – stellt der Mensch via iPad-App ein, und das Gefährt verwandelt sich.

Der gelenkigen, 52 Kilo leichten „RackRacer“ des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik IML aus Dortmund kann sich horizontal innerhalb von Lagergassen bewegen, selbstständig Ebenen wechseln und diagonal durch Regale klettern und dabei 25 Kilo Last transportieren. Das hat den Vorteil, dass Regale nicht mehr so stabil gebaut werden müssen und Läger flexibel zum Saisongeschäft auf- und danach gleich wieder abgebaut werden können.

Das neue kletternde Shuttle namens „Rack-Racer“ bewegt sich selbstständig horizontal und diagonal im Regal - ohne Lift oder zusätzliche Schienen. Das neue kletternde Shuttle namens „Rack-Racer“ bewegt sich selbstständig horizontal und diagonal im Regal - ohne Lift oder zusätzliche Schienen. (© 2015 Fraunhofer IML)

Fit für die Lagerhaltung ist auch der „Care-O-bot 4“ des Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA in Stuttgart. „Dank seiner modularen Bauweise kann er verschiedene Aufgaben erfüllen“, erklärt Projektleiter Ulrich Reiser. Genauso gut, wie er als Helfer in Krankenhäusern oder Hotels und Pflegeheimen mit seinen zwei Armen einfache Hol- und Bringaufgaben erfüllen kann, kann der rollende Roboter in Warenlägern einfache Kommissionierungsaufgaben übernehmen und mit einem Aufsatz wie die orangefarbenen Flitzer von Amazon schwere Lasten transportieren.

Der einarmige „Fetch“ navigiert mit Hilfe von zwei augenähnliche Laserscannern selbständig durch die Regale. Der einarmige „Fetch“ navigiert mit Hilfe von zwei augenähnliche Laserscannern selbständig durch die Regale. (© 2015 Fetch Robotics)

Das Roboter-Duo „Fetch & Freight“ (holen und Fracht) des kalifornischen Herstellers Fetch Robotics soll mit und ohne Mensch eingesetzt werden können: Der einarmige „Fetch“ navigiert mit Hilfe von zwei augenähnliche Laserscannern selbständig durch die Regale. Mit seinem bis zu einem Meter ausfahrbaren Arm greift er die bestellten Produkte und legt sie in den Korb seines Begleiters, dem kleinen, runden „Freight“. Dieser folgt auch menschlichen Kollegen. Das feinmotorische Greifen von verschiedenen Gegenständen ist für Roboter noch ein kniffeliges Unterfangen.

Das lösten die Sieger der diesjährigen „Picking Challenge“ von Amazon mit Köpfchen: Der Roboter der Forscher der TU Berlin schaffte es, in 20 Minuten empfindliche Produkte wie eine Kekstüte eine Gummiente und eine Klebstofftube heil aus einem Regal zu nehmen und ebenso unbeschadet in eine Box zu legen. Sie versahen ihren Roboter einfach mit einem Saugnapf.

Weiterführende Links zum Thema

Kurzreport der BIBA-Studie

Film über Fetch and Freight

TIME-Film bei Amazon

Video: Fraunhofer RackRacer

Still Truck-Roboter