Nach dem Ausbruch des isländischen Gletschervulkans mit dem unaussprechlichen Namen Eyjafjallajökull verfiel die gesamte Modebranche 2010 in eine regelrechte Schockstarre. Wegen der gigantischen Aschewolke, die der Wind aus dem Krater über das europäische Festland schob, fielen mehr als 100 000 Flüge aus. Vergeblich warteten Stoff-, Faden- und Knopfhersteller rund um den Globus, um wie jede Saison Kleider, Blusen und Anzüge farblich zueinander passend herzustellen. Die Folge für Designer, Models, Boutiquebesitzer und Kunden: Die Kollektion einer ganzen Saison fiel schlichtweg aus. Kein Flug, keine Muster, keine Kollektion.

Das war der Auslöser für Gerd Müller-Thomkins, Geschäftsführer des Deutschen Mode-Instituts in Köln, endlich eine Idee auf den Markt zu bringen, an der er schon lange getüftelt hatte. Mit einem kleinen Team entwickelte er ein Verfahren, Farben und Strukturen per Scanner digital zu ermitteln. Die Daten der sogenannten Multispektralmessung lassen sich dann online versenden. So können Modehäuser, Hersteller und Schneider überall auf der Welt Stoffmuster, Farben oder auch ganze Kleiderkollektionen detailgenau reproduzieren. Das zeit- und ressourcenfressende Hin- und Herschicken von Farb- und Strukturmustern entfällt. Auch die sonst langwierigen 
Abstimmungsrunden zwischen Designern und Produktionsleitern im fernen Ausland verkürzen sich erheblich.

Software und Rechenleistung für eine erfolgreiche Digitalisierungsstrategie kommen aus riesigen Rechenzentren Software und Rechenleistung für eine erfolgreiche Digitalisierungsstrategie kommen aus riesigen Rechenzentren (© 2015 Google)

Das kleine Deutsche Mode-Institut ist ein typisches Beispiel für eine erfolgreiche Digitalisierung. Der Begriff umschreibt den großen Wandel, der durch das Internet und die Mobilität der Smartphones angestoßen wurde. Er umschreibt aber auch gravierende Umwälzungen ganzer Geschäftsmodelle. Keine Branche bleibt davon verschont, viele Unternehmen und deren Businessmodelle werden schon heute praktisch auf den Kopf gestellt. Neue Streaming-Dienste wie Spotify oder Deezer machen der Musik- und Filmindustrie zu schaffen, Onlineportale und Blogs den Zeitungen und Zeitschriften. Selbst Branchen, die vermeintlich weit weg vom digitalen Wandel sind, werden über kurz oder lang erfasst werden. Schlüsselnotdienste zum Beispiel müssen sich umstellen, denn Haustürschlüssel und Schlösser kommen häufiger als elektronischer Zugang samt Software daher.

"Viele denken, Digitalisierung ist, wenn ich einen Sensor an mein Produkt anbringe oder eine App entwickle", sagt Digitalexperte Karl-Heinz Land.

"Mit der Digitalisierung wird aber die gesamte Wertschöpfungskette infrage gestellt."

Sie löst einen Dominoeffekt aus und bringt alles, was damit zusammenhängt, in Bewegung. Digitalisierung betrifft Arbeitsplätze, Maschinen, Rohstoffe, Logistik sowie Energieressourcen“, beschreibt Land das Ausmaß der Veränderung.

Die Digitalisierung bietet aber auch jede Menge neue Chancen. "Wenn Produkte zu Software werden, werden sie für die Konsumenten transparenter, verbreiten sich rasend schnell und können auch miteinander kombiniert werden. Wo das hinführt, kann man sich alles noch gar nicht vorstellen", meint Land.

Vernetzte Industrie: Wie bei Audi in Ingolstadt (hier die Produktion des A4) setzen Auto­hersteller zunehmend Roboter in der Fertigung ein. Vernetzte Industrie: Wie bei Audi in Ingolstadt (hier die Produktion des A4) setzen Auto­hersteller zunehmend Roboter in der Fertigung ein. (© 2015 FOTOFINDER)

Die ersten Auswirkungen des digitalen Wandels sind schon klar in der industriellen Fertigung zu beobachten: Unter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ werden Maschinen und Anlagen zunehmend vernetzt und Produktionsabläufe automatisiert. Maschinen kommunizieren automatisch miteinander (M2M). Experten sprechen vom "Internet der Dinge" und von Smart Factory, wo dank Datenaustausch Abläufe und Prozesse optimiert werden.

Die Vernetzung der ganzen Welt

Das künftige Ausmaß des Maschinengeflüsters lässt sich nur schätzen. Denn es geht um die vollständige Vernetzung und Digitalisierung der Welt – vom Kaffeeautomaten über Produktionsanlagen bis hin zu Fahrrädern, Ampeln und Motorradhelmen. Die Prognosen reichen von mehr als acht Milliarden M2M-Geräten im Jahr 2018 bis hin zu 50 Milliarden vernetzten Geräten in 2020.

Keine Frage, der digitale Wandel ist eine revolutionäre Kraft, die auch Neues schafft: Es entstehen innovative Dienste und bahnbrechende Produkte, etwa das selbstfahrende Auto. Über Dutzende Sensoren kommuniziert das fahrerlose Auto mit seiner Umwelt, stimmt sich mit speziell ausgerüsteten Ampeln ab oder sendet einfach die Laufleistung des Motors an die Werkstatt.

Das ist keine Science-Fiction: Pilotversuche in Deutschland und Amerika laufen längst. In nur fünf Jahren sollen Kleinwagen von Google ohne Lenker und Pedale ganz selbstverständlich über die Straßen Kaliforniens rollen. Denkbar sind auch automatisierte Taxidienste: Bestellt und bezahlt wird das Chauffeur-Auto einfach via Smartphone.

"Unternehmen kommen um das Thema Digitalisierung nicht mehr herum."

Hagen Rickmann
Geschäftsführer Geschäftskunden bei der Telekom Deutschland

"Alles, was sich digitalisieren lässt, wird digitalisiert werden. Alles, was sich vernetzen lässt, wird vernetzt werden. Wer die Chancen der Digitalisierung erkennt und handelt, gewinnt."