Das fliegende Auto

Science-Fiction-Regisseur Luc Besson hatte so seine ganz eigene Vorstellung vom Autofahren im Jahr 2263: Radlose Vehikel trotzen mühelos der Erdanziehungskraft und schweben in luftigen Höhen schichtweise übereinander durch die Wolkenkratzerschluchten von New York. Abenteuerlich mutet das an. Besonders, als der Protagonist des Science-Fiction-Films „Das fünfte Element“, der taxifahrende Bruce Willis, mit Milla Jovovich an Bord den Bösewichten zu entkommen versucht.

Soweit die Vision im Kino im Jahr 1997. Keine 20 Jahre später, kaum dass sie alleine fahren können, lernen die Autos tatsächlich das Fliegen. Unternehmen und Startups rund um den Globus tüfteln an Prototypen; einige Modelle heben bereits ab.

Flugautos in Kürze

Der Werkstoff Karbon sowie technologische Fortschritte verleihen Autos Flügel. Ihre Lithium-Ionen-Batterien halten mehrere hundert Kilometer, Sensoren und leistungsfähige Computer kontrollieren ihre Flugbewegungen und sorgen für die Sicherheit. Alle sicherheitskritischen Bauteile sind redundant ausgelegt, und sie können dank mehrerer seitlich angebrachter Rotoren senkrecht starten und landen. Experten nennen sie VTOL, der Begriff steht für Vertical Take-Off and Landing. Eine lange Start- und Landebahn ist nicht mehr erforderlich, was ihren Einsatz im Stadtgebiet ermöglicht.

Zukunftsvision: Der fliegende Individualverkehr

Die Vorstellung, am besten direkt vor der Haustür mit dem Flugauto abzuheben, beflügelt die Phantasien Stau-geplagter Autofahrer in der ganzen Welt. Nur: Dem fliegenden Individualverkehr fehlt bislang der rechtliche Rahmen. „Nach geltenden Gesetzen dürfen in der Innenstadt nur Polizei- und Rettungshubschrauber starten und landen“, erklärt Stefan Levedag, Direktor des Instituts für Flugsystemtechnik am Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Braunschweig.

Die ersten Zulassungen sind bereits erfolgt

Die Flugautos sind da schon einige Flügelschläge weiter. Das demonstrierte etwa das Karlsruher Startup e-volo im vergangenen Jahr. Sein elektrisch betriebener Volocopter VC200 startet und landet senkrecht und wird einhändig per Joystick geflogen. Im Februar 2016 erhielt er von der zuständigen deutschen Luftfahrtbehörde die vorläufige Verkehrszulassung (VVZ) als Ultraleicht-Luftfahrtgerät. Mit-Gründer Alex Zosel übernahm den Erstflug höchstpersönlich und war bei der Landung ganz aus dem Häuschen: „Der Flug war einfach unglaublich! Ich habe mich reingesetzt, wir haben Vorchecks gemacht, dann kam schon die Freigabe für den Flug. Ich habe nicht lange gezögert, einfach den Hebel nach oben gedrückt, und der Volocopter ist mit einem Satz nach oben gesprungen!“ Auf einer Fläche von 9,80 Metern Durchmesser halten 18 fest montierte Rotoren wie bei einer Drohne den Volocopter bis zu einer Stunde in der Luft. Mit einer Geschwindigkeit von bis zu 100 Stundenkilometern soll er in 2.000 Metern Höhe leise und emissionsfrei fliegen. Angst musste Testpilot Zosel keine haben, denn alle kritischen Bauteile sind redundant ausgelegt: Selbst beim Ausfall mehrerer Teile wäre ein sicheres Landen möglich gewesen.

Der e-volo Volocopter VC200 Über den Dächern von San Francisco: Vor allem auf kurzen Strecken im dichten Stadtverkehr soll das Fluggerät seine Trümpfe ausspielen: Es startet senkrecht, überfliegt jeden Stau und landet am Ziel wieder senkrecht – ganz ohne Landebahn. (© 2017 e-volo)

Fliegen für jedermann

Ab 2018 will e-volo den Traum vom Fliegen für jedermann möglich machen. Zwei Personen finden in der Kabine Platz, das Flugverhalten kann durch Parameter in der Steuersoftware vorbestimmt werden. Die zukünftigen Serien-Volocopter sollen einerseits sportlich und agil programmiert werden, ohne jedoch dem Piloten allzu waghalsige Flugmanöver zu erlauben. In nächsten Schritt sollen Lufttaxi-Services auf vorgegebenen Strecken etwa als Flughafenzubringer oder an sensiblen Verkehrsknotenpunkten wie Brücken etabliert werden. Mittelfristig schwebt den Gründern vor, mit dem Volocopter auch autonome Mobilitätskonzepte anzubieten, bei denen der individuelle sowie öffentliche Nahverkehr teilweise in die Luft verlagert wird.

Lilium Aviation Morgens München, mittags Mailand und abends Marseille: Mit dem Flugauto von Lilium Aviation kein Problem! Ab nächstem Jahr soll die Entwicklung in die Luft gehen. (© 2017 Lilium Aviation)

Bis zu 500 Kilometer Reichweite

So weit ist Lilium Aviation aus Gilching bei München noch nicht. Das Startup, benannt nach dem deutschen Luftfahrtpionier Otto Lilienthal, ist eine Ausgründung der Technischen Universität München und wird unter anderem von der Europäischen Weltraumagentur Esa und Skype-Gründer Niklas Zennström finanziert. Bislang hat es erst kleine Prototypen seines Zweisitzers fliegen lassen, der aussieht wie ein schicker Rennwagen mit Flügeltüren. Aber die vier Gründer – Luftfahrtingenieure und Produktdesigner – haben genaue Vorstellungen von der Zukunft: „Stellen Sie sich vor, Sie könnten morgens in München frühstücken, mittags in Mailand shoppen und abends in Marseille essen gehen?“, begrüßen sie die Besucher auf ihrer Website. Daniel Wiegand, Mit-Gründer und CEO von Lilium, sieht den Einsatz seines Flug-Flitzers im Alltag, auf kurzen Strecken in der Stadt. Die Reichweite des Lilium-Jets soll bis zu 500 Kilometer betragen. Bereits im kommenden Jahr soll der Flieger auf den Markt kommen, für dessen Fahrerlaubnis eine Sportpilotenlizenz ausreicht.

Lilium Aviation Luftfahrtingenieure und Produktdesigner bei Lilium Aviation, einer Ausgründung der TU München, bauen am Prototypen ihres Senkrechtstarters (© 2017 Lilium Aviation)

Autonomes Fliegen

Wie e-Volo strebt Lilium Aviation langfristig eine völlig neue Art des Pendelns für alle an: Per Lufttaxi-Service, der einfach über eine App bestellt wird. Der US-Fahrdienstvermittler Uber (Projekt „Uber Elevate“) sowie die von Google-Mit-Gründer Larry Page unterstützten Startups Zee.aero und Kitty Hawk im Silicon Valley tüfteln ebenfalls an einer solchen Lösung, während der chinesische Drohnen-Hersteller Ehang bereits Anfang des Jahres seinen selbstfliegenden Prototypen mit dem wenig spektakulären Namen 184 AAV der Öffentlichkeit präsentierte.

Der Senkrechtstarter kann mit einem Passagier bis zu hundert Stundenkilometer schnell fliegen und bis zu hundert Kilo in einer Höhe von bis zu 3.500 Metern transportieren. Bestellt wird das Lufttaxi per App, an Bord gibt der Passagier sein Ziel auf einem Display ein und hebt vollautomatisch ab. In Dubai sollen die Auto-Piloten bereits im Sommer starten.

Vahana-Flieger von Airbus Der Vahana-Flieger aus der Airbus-Innovationsschmiede A³ im Silicon Valley soll künftig autonom abheben. Benannt ist er nach dem Reittier einer hinduistischen Gottheit. (© 2017 Airbus A³)

Auch der Vahana-Flieger aus der Airbus-Innovationsschmiede A³ im Silicon Valley soll künftig autonom in die Lüfte fliegen. Der Testflug ist für Ende dieses Jahres geplant. „Eine Grundvoraussetzung ist nicht nur, dass die autonomen Fluggeräte sicherer sind als die von Menschenhand gesteuerten“, sagt Projektleiter Zach Lovering. „Es muss uns auch gelingen, dass sich mehrere Flugtaxis den Himmel sicher teilen.“
So wie es Luc Besson im „Fünften Element“ schon vormachte.

Video: Erster bemannter Flug des Volocopters von e-volo

Weiterführende Links zum Thema

Was die Profi-Drohnen können

Webseite e-volo: Fliegen mit dem Volocopter

Webseite Lilium Aviation: Autonomes Fliegen

Brücke zwischen analoger und digitaler Welt

Dreamteam aus Mensch und Maschine