Einige Luxusuhren können Fitnessdaten und den Biorhythmus aufzeichnen und mit dem Smartphone austauschen. Eine Begegnung mit den Gralshütern der Mechanik und ein Bericht über den überraschenden Aufbruch einer ganzen Zunft in die digitale Moderne.

Furcht ist seine Sache nicht. Dazu hat der große Blonde mit dem entschiedenen Blick auch wirklich keine Zeit. So schnell und entschlossen, wie Peter Stas durch die aufgeräumte Halle seiner Uhrenmanufaktur im Vorort Plan-les-Ouates bei Genf geht, handelt er auch.

Der Holländer Peter Stas, dessen Manschettenknöpfe so präzise sitzen wie die Sekundenzeiger seiner Uhren, führt die Firma Frédérique Constant seit 27 Jahren, seit er sie zusammen mit seiner Frau Aletta gegründet hat. Nur 27 Jahre, in der Welt der Uhrmacher zählt das als nichts. Hier ticken sie anders. Neuentwicklungen sind eine 
Rarität, und wenn ein neues Stück auf den Markt kommt, wird es gefeiert wie die Mondlandung.

Peter Stas Peter Stas (© 2015 )

"Die Schweizer Industrie muss keine Angst vor amerikanischen Smartwatches haben."

Peter Stas

Geschäftsführer Frédérique Constant

Es dauert mindestens drei bis fünf Jahre Entwicklungsarbeit und zehn Mal so viel an Erfahrungsschatz, bis ein Team aus Ingenieuren, Technikern, Designern und Konstrukteuren ein anspruchsvolles Uhrwerk ausgetüftelt hat, das im Fachjargon treffend „Komplikation“ genannt wird.

Frédérique Constant ist aber schneller, viel schneller: Nur ein Jahr hat Firmenchef Peter Stas sich gegönnt, um seine erste Uhr zu entwickeln, bauen zu lassen und sich als ernst zu nehmender Wettbewerber in die Welt der Zeitmesser einzu-führen. Ein Husarenritt, aber auch eine Meister-leistung. Das war 1992. Bescheidene 350 Stück umfasste die erste Produktion, gefertigt wurde in Hongkong, seiner damaligen Wahlheimat.

Inzwischen wird im Hause Constant quasi im Minutentakt ein Kaliber modifiziert. 18 verschiedene Versionen der eigen kreierten FC-Kaliber der 900er-Serie sind seit 2004 entstanden, ein echter Rekord. Bei diesem Tempo bleibt keine Zeit, Angst um die eigene Zukunft zu haben. Und die liegt in der Smartwatch, glauben viele. „Switzerland is in trouble“, schickte Apples Chefdesigner Jonathan Ive seine Kampfansage in die Schweiz, als er 2014 die neue Apple Watch vorstellte. Ein Satz mit großer Wirkung. Er hätte auch sagen können: „Die Schweiz kann einpacken, wenn wir unsere digitale Uhr, die Apple Watch, auf den Markt bringen!“

Neues Zeitalter: Seit mehr als 300 Jahren sind die Schweizer für ihr traditionelles Uhrhandwerk bekannt. Jetzt bauen die Eid­genossen Bauteile mit ein, die klassische  Uhren mit dem Handy verbinden. Neues Zeitalter: Seit mehr als 300 Jahren sind die Schweizer für ihr traditionelles Uhrhandwerk bekannt. Jetzt bauen die Eid­genossen Bauteile mit ein, die klassische Uhren mit dem Handy verbinden. (© 2015 Tom Haller)

Apple droht der Schweiz

Andererseits, warum soll die Schweiz in Turbulenzen geraten? Ausgerechnet die Wiege der Uhrmacherei, dort, wo in tausendstel Millimetern gedacht wird, wo Zahnräder entstehen, die dünner sind als ein menschliches Haar, wo in vier Zentimetern Mechanik die gesamte Weltzeit verbaut wird. Wie soll man das ernst nehmen? Ein Brite, der in Amerika lebt, ein Designer, warnt die Meister der Uhren-macherkunst?

Die Schweizer Uhrenmacher fürchten sich ohnehin vor nichts. Warum auch? Apple hinkt hinterher im Markt der „schlauen Uhren“, wie die Smartwatches wörtlich übersetzt heißen. Längst haben die Wettbewerber aus Fernost wie Samsung, LG oder Casio die Welt mit ihren vernetzten Computeruhren beglückt, die E-Mails am Handgelenk sichtbar machen und die Ankunft einer Twitternachricht per Vibration lautlos ankündigen.

Kann Apple tatsächlich die Smartwatch neu erfinden? Peter Stas glaubt nicht daran – und reagiert trotzdem darauf. Wie bei vielen anderen in der Schweiz sitzt der Schock der Quarz-Krise in den 70er-Jahren tief. Damals löste der massenhafte Verkauf von billigen Quarztickern aus Fernost eine Rezession aus und brachte die eidgenössische Uhrenindustrie an den Rand des Abgrunds. Zwei Drittel aller Beschäftigten in der Traditionsbranche standen innerhalb von zehn Jahren auf der Straße, einfach weil die Welt lieber auf futuristische LCD-Anzeigen starrte, als sich gepflegt von zwei Zeigern sagen zu lassen, dass es fünf vor zwölf ist.

Kleine Ursache, große Wirkung: Chefkonstrukteur Pim Koeslag schaut sich am Spezialmikroskop die winzigen Bauteile an, die das Werk mit dem Handy verbinden werden. Kleine Ursache, große Wirkung: Chefkonstrukteur Pim Koeslag schaut sich am Spezialmikroskop die winzigen Bauteile an, die das Werk mit dem Handy verbinden werden. (© 2015 Tom Haller)

Stas steuert heute lieber rechtzeitig dagegen. Noch während er die Gefahr kleinredet, tüfteln seine Entwickler wie Chefkonstrukteur Pim Koeslag an einer neuartigen Uhr, die die alte und die neue Welt verbindet. Es soll eine Art Smartwatch im Kleid eines klassischen Chronografen werden. Eine anspruchsvolle Sache, selbst für Uhrenmeister wie Koeslag. In der Branche ist er bekannt als Erfinder genialer, unkonventioneller Uhrwerke wie dem Kaliber AL-710. Drei Jahre benötigt Koeslag, um die digitale Technik einer Smartwatch mit der analogen Feinmechanik eines klassischen Uhrwerks zu verschmelzen. Und für Stas sind drei Jahre eine halbe Ewigkeit.

Die Horological 
Smartwatch

Als Stas kurz vor der diesjährigen Baseler Uhrenmesse das Ergebnis präsentiert, geht ein Ruck durch die Zunft. Stolz zeigt er die Horological Smartwatch, nach seinen Angaben die erste mechanische Uhr mit bidirektionaler Verbindung zum Smartphone. Heißt: Handy und Uhr tauschen sich aus, jeder übernimmt Informationen des anderen. Jetzt sind die Schweizer auch digital.

Perfekte Tarnung: Sie sieht aus wie eine Uhr, und kann doch viel mehr. Nur ein einziger Zeiger in der unteren Hälfte des Ziffer­blattes verrät, dass die Horological noch andere Funktionen hat, als nur die Zeit anzuzeigen. Sensoren im Uhrwerk messen die Schritte und den Schlafzyklus seines Besitzers und schicken die Daten auf Knopfdruck ans Handy. Tagsüber lässt sich ablesen, wie viel man sich schon bewegt hat, abends schaltet die Uhr auf das Schlafverhalten um.

Smartphone und Horological Smartwatch kommunizieren über Bluetooth miteinander. Smartphone und Horological Smartwatch kommunizieren über Bluetooth miteinander. (© 2015 Tom Haller)

Die Uhr misst den Schlaf

Annabel Corlay trägt sie am Arm, die Uhr schimmert edel in Roségold. Die Uhr zählt jetzt Schritte und misst den Schlaf. Die zierliche junge Frau, bei Frédérique Constant für PR-Arbeit zuständig, zeigt auf das galvanisierte weiße Zifferblatt, das mit nüchternen römischen Zahlen bestückt ist. Erst beim zweiten Blick wird das kleine Wunder der feinen Armbanduhr sichtbar: Ein filigraner kleiner Zeiger im unteren Drittel der Uhr macht diskret die Aktivität, die Anzahl der absolvierten Schritte seines Trägers sichtbar. 30 Prozent ihres Tagesmarsches von 2000 Schritten hat Annabel an diesem Montag geschafft, macht 600 Schritte.

"Ich zeige Ihnen, wie ich heute Nacht geschlafen habe", sagt sie ohne Scheu und wischt flink über ihr iPhone. Auf dem Bildschirm reihen sich große und kleine Balken aneinander wie Soldaten. "Hier war ich im Tiefschlaf, um halb vier bin ich einmal aufgewacht, dann eine Leichtschlafphase. Ich habe 65 Prozent meines angestrebten Zieles geschlafen." Annabel wirkt ausgeschlafen. Das mag an der integrierten Funktion "Sleep Cycle Alarm" liegen, die ihren Besitzer genau dann weckt, wenn es für ihm am günstigsten ist – nämlich in einer Leichtschlafphase. Die Smartwatch reißt einen nicht gnadenlos zum festgelegten Zeitpunkt aus dem Schlaf, sondern dann, wenn es biorhythmisch passt. Eine Uhr, die Rücksicht nimmt.

Rund 8000 Smartwatches will Frédérique Constant pro Jahr herstellen. Rund 8000 Smartwatches will Frédérique Constant pro Jahr herstellen. (© 2015 Tom Haller)

Die Bedienung ist einfach. "Ich muss nur zwei Sekunden lang auf die Krone drücken, damit signalisiere ich der Technik, dass ich zu Bett gehe. Die Uhr beginnt mit ihrer Arbeit und zeichnet auf, wie ich schlafe." Das Handy kann solange draußen bleiben, die Synchronisation kann bis zu einem Monat später erfolgen. So lange merkt sich die Uhr die Daten. "Zur Aufzeichnung der Schlafphasen muss sie nicht einmal am Handgelenk getragen werden", ergänzt Stas. Es genügt, wenn die Armbanduhr unter dem Kissen ruht.

Für so viel Wissen und Messen benötigt die Horological Smartwatch ein bewegtes Innenleben. "Allein konnten wir das Projekt Wearables niemals umsetzen", erklärt Stas. "Dazu brauchten wir Profis. Und die sitzen im Silicon Valley, wie man ja weiß." Er holt sich nicht irgendjemanden ins Boot, sondern Philippe Kahn, einen Star der Elektronikbranche. Mit seiner Firma Fullpower gilt der gebürtige Franzose Kahn als führend in der Technik tragbarer Elektronik. Millionen Menschen zählen mit dem schmucken Fitnessarmband UP2 der US-Firma Jawbone täglich ihre Schritte, messen ihre Aktivität, überprüfen ihr Essverhalten und zeichnen ihren Schlaf auf. Daher weht der Wind in der Horological Smartwatch, genauer gesagt: die Software.

Damit sicher gestellt ist, das die Horological Smartwatch perfekt funktioniert, wird bei jeder Uhr vor dem die Elektronik geprüft. Damit sicher gestellt ist, das die Horological Smartwatch perfekt funktioniert, wird bei jeder Uhr vor dem die Elektronik geprüft. (© 2015 Tom Haller)

Für die Technik zur Selbstvermessung in Uhren gründet das Ehepaar Stas zusammen mit Kahn die Firma Manufacture Modules Technologies, kurz MMT, Sitz in Genf, gleich hundert Meter um die Ecke von Frédérique Constant. Fullpower liefert die Hardware, die passende Firmware, die Smartphone-Apps sowie die Cloud-Infrastruktur für die intimen Daten der Uhrenträger. Stas weiß, dass er den Sprung in die vernetzten Analoguhren nicht als Solist stemmen kann: "Wir brauchten Partner aus der Uhrenindustrie, wir haben sehr viel investiert", erklärt er seine Einladung an weitere Interessenten. MMT entschließt sich, Lizenzen zu vergeben.

Weiterführende Links zum Thema

Mondaine: Auch die Schweiz kann Smartwatch

Frédérique Constant

Montblanc: Display im Armband