Wer den Begriff Digitalisierung hört, denkt meist an innovative Start-ups oder an die großen Internetkonzerne. Auf der DIGITALEAST standen dagegen innovative Lösungen von kleinen und mittelständischen Unternehmen im Fokus. Nach Keynotes von Hagen Rickmann, Geschäftsführer Geschäftskunden Telekom Deutschland und Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), wurden die Gewinner des regionalen Digital Champions Awards (DCA) gekürt. Im Rahmen der Preisverleihung im Berliner Westhafen Event & Convention Center konnten die Sieger auch gleich ihre Innovationen vorführen. Sie zielen beispielsweise darauf ab, sich dank Digitalisierung stärker um Kunden kümmern können und trotzdem Zeit zu sparen, softwaregestützt Talente im Internet zu finden oder die Vorgaben von Unternehmen optimal umzusetzen. Alle Preisträger haben ihre internen Prozesse aus eigener Kraft digitalisiert und arbeiten wie die Digitalprofis zusammen.

Talent-Sourcing im Web

Fast schon mit der Kurzstreckenticket anreisen konnte die Mannschaft von Talentwunder. Erst vor vier Jahren wurde das Startup in Berlin gegründet und schon gab es den DCA-Award in der Kategorie Digitale Produkte und Dienstleistungen. Ausgezeichnet wurde das webbasierte Talent-Sourcing-Tool, womit Unternehmen nicht mehr auf die Resonanz von Anzeigen vertrauen müssen, sondern aktiv auf die besten Talente zugehen können. „Unsere Mission ist es, Unternehmen bei der Suche nach den besten Talenten zu unterstützen und miteinander zu vernetzen“, erklärt Andreas Dittes, Gründer und CEO. „Wir glauben daran, dass die direkte Ansprache von Talenten für einen nachhaltigen Erfolg im Recruiting sorgt.“ Und dieser Erfolg ist auch nötig, schließlich brauchen Unternehmen im „War for Talent“ immer häufiger Werkzeuge, um große Datenmengen für ihre Suche nutzen zu können. An dieser Stelle setzt die mehrfach ausgezeichnete Lösung von Talentwunder an. Sie sammelt öffentlich verfügbare und beruflich relevante Informationen, um die benötigten Fachkräfte zu finden – selbstverständlich datenschutzkonform.

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Es ist zum Beispiel möglich, nach Berufszweigen zu filtern und etwa gezielt Web-Programmierer oder Controller zu suchen. Nach Dittes Erfahrung entstand durch die sozialen Netzwerke eine sehr spannende Datenquelle auch fürs Recruiting: „Nur mit speziellen Algorithmen und den heutigen Rechenleistungen ist es uns möglich, Milliarden von Datensätzen effizient zu erheben und zu analysieren.“ So hat Talentwunder mittlerweile 1,7 Milliarden Profile gesammelt, aus denen Firmen die richtigen Talente finden und gezielt ansprechen können. Recherchieren lässt sich die Plattform von allen Endgeräten – vom PC genauso wie vom Smartphone. Laut Dittes enthalten die Daten sehr viele versteckte Informationen: „Wir können mit Hilfe von Predictive Analytics zum Beispiel berechnen, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Kandidaten offen für einen Jobwechsel oder Umzug sind.“

Online-Terminvereinbarung für den Reifenwechsel

Wer in einer Kfz-Werkstatt Autoreifen und Hebebühnen erwartet, liegt bei Andreas Klaue nicht daneben. Doch der Zeuthener Kfz-Meister hat einen 1956 gegründeten Reifenbetrieb auch online ins Rollen gebracht. Ziel war, Wartezeiten zu verringern, termingenau zu arbeiten und transparent zu kalkulieren. Am Anfang ging es um kleinere Verbesserungen, wie Klaue erzählt. „Kein Anruf sollte mehr ins Leere laufen.“ Zuvor gab es keinen Anrufbeantworter, die Anruferliste wurde nicht gespeichert und wenn die Verkäufer im Kundengespräch waren, kümmerte sich keiner um das klingelnde Telefon. Potenzielle Kunden fielen damit durchs Raster und gingen schlimmstenfalls verloren, weil sie zur Konkurrenz abgewandert sind. „Gerade in den Reifenwechselzeiten oder wenn jemand wegen einer Panne liegenbleibt, ist es wichtig, sofort erreichbar zu sein. Jeder Anruf könnte einen Tausender Umsatz bedeuten“, so Klaue.

Bewerbung für den nationalen DCA

Alle Gewinner sind für den nationalen Digital Champions Award nominiert, den die Telekom gemeinsam mit der WirtschaftsWoche am 7. und 8 November beim DIGITALSUMMIT in Köln vergibt. Bewerbungen können bis zum 22. Juni eingereicht werden.

Der erste Schritt bestand deshalb darin, eine moderne Telefonanlage zu installieren. Sie verfügt über Anrufbeantworter sowie Anruferliste und kann sogar die Sprachnachrichten der Kunden automatisch als E-Mail auf Klaues Smartphone weiterleiten. „Die Telefonanlage ist auch mit unserem Warenwirtschaftssystem verbunden, so dass wir direkt die Kundendaten sehen und Stammkunden mit Namen begrüßen können“, freut sich Klaue. Nach dieser positiven Erfahrung trieb Klaue der Digitalisierung noch weiter. So existiert heute eine Website, über die sich Termine bequem online vereinbaren lassen und die einen Blog mit Tipps zu Reifen, Rädern und Auto umfasst. Klaue will jedoch noch mehr: „Wir werden künftig die Rädereinlagerung digitalisieren und sie mit Barcodes versehen. Das spart uns viel Zeit.“ Zur Belohnung erhielt Klaue den regionalen DCA-Award in der Kategorie Digitales Kundenerlebnis.

Digitaler geht es kaum

Ganz anders als in der Kfz-Werkstatt sieht der Arbeitsplatz von Hannes Kleist aus. Der Gründer und Geschäftsführer der internationalen Digitalagentur Stanwood mit Sitz in Berlin, Dresden, Barcelona und Warschau kennt weder feste Arbeitszeiten noch -plätze. „Es gibt zwar physische Offices, wo sich Mitarbeiter in Co-Working-Spaces treffen können, wenn sie möchten. Die meisten Mitarbeiter arbeiten aber von zuhause aus. Grundsätzlich gilt bei uns: Jeder Mitarbeiter entscheidet selbst, wann und wo er am besten arbeitet.“ Diese Freiheit ist wichtig, weil die zirka 40 Mitarbeiter der Digitalagentur an 14 Standorten zusammenarbeiten – sogar über mehrere Zeitzonen hinweg. Dabei verzichtet Stanwood auf E-Mails, Meetings und Office für die Belegschaft. Zum Einsatz im virtuellen Büro kommen innovative Tools wie Slack und Jira. So ist es nur folgerichtig, dass der DCA-Award für die moderne Art und Weise vergeben wurde, wie Stanwood intern zusammenarbeitet. „Bei uns muss niemand in eine teure Metropole ziehen für den Job. Wir verlieren keine Lebens- und Arbeitszeit durch Staus und Berufsverkehr. Und wir nutzen unsere Arbeitszeit extrem produktiv, weil wir auf Endlos-Meetings und E-Mail-Schlachten verzichten“, erläutert Kleist.

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Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die digitalen Tools unterbinden Wissensverluste an den Schnittstellen und sämtliche Informationen bleiben in der digitalen Welt. Vom ersten Projektbriefing bis zum digitalen Endprodukt können sich die Mitarbeiter ohne Ablenkung auf ihre Aufgaben konzentrieren und genau dort arbeiten, wo sie gerne leben wollen – offensichtlich mit Erfolg. Denn die 2009 gegründete und international ausgerichtete Digitalagentur hat bereits mehr als 60 native iOS- und Android Apps entwickelt, außerdem wurden zahlreiche Web-Projekte umgesetzt. Die Premium-Apps und Websites bewegen sich vor allem in den Bereichen Publishing & Entertainment, Health & Fitness und Automotive. Dieser Erfolg blieb nicht unentdeckt, 2017 übernahm die Funke Mediengruppe Stanwood. Seitdem treiben Kleist und seine Leute die Digitalisierung des Konzerns als Mobile-Task-Force voran.

Handwerksbetrieb als Cloud-Pionier

Viele Tätigkeiten im Handwerk kehren immer wieder und erfordern viel Zeit. Um mehr Raum für das Kerngeschäft zu gewinnen, bietet es sich an, derartige Prozesse zu digitalisieren und zu automatisieren. Ein Beispiel dafür bietet Vallovapor in Berlin, das Unternehmen hat in jahrelanger Forschungsarbeit die 3D-Kabelvernebelung entwickelt. Damit können die Kunden auf schnelle, nachhaltige und gesundheitlich unbedenkliche Weise gegen Schimmel, Gerüche und Viren sowie Bakterien vorgehen. Diese Vorteile nutzen bereits mehr als 20 Partnerbetriebe wie Maler, Gebäudereiniger, Sanierungsbetriebe oder Betriebe der Klimatechnik in Deutschland, die sich um rund 600.000 Wohneinheiten kümmern. Darüber hinaus werden die Märkte Österreich, Spanien, Finnland, Polen und Großbritannien von Länderpartnern betreut. Der Clou: Vallovapor bewältigt diese Aufgaben mit nur 15 Mitarbeitern. Dazu hat Geschäftsführer Martin Urbanek sämtliche Prozesse mit der Cloud-Lösung openHandwerk digitalisiert. „Wir sind Kunde der ersten Stunde und konnten die Software mitentwickeln und für unsere Bedürfnisse anpassen, so dass alle Prozesse in einem Frontend den ganzen Tag verfügbar sind – von der Mitarbeitereiterfassung über die Terminierung, Auftragsverwaltung, Dokumentenmanagement bis zur Kundenkommunikation.“

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Die Digitalisierung betrifft nach Urbaneks Angaben alle Bereiche seiner Firma. „Unsere Aufträge werden umfangreich dokumentiert mit Fotos, Begehungsprotokollen und Mietersensibilisierungen. Dazu kommt, dass unsere Anwenderteams eigenverantwortlich Aufträge abarbeiten und nicht täglich in unseren Standorten sind.“ Diese Strategie wurde im Berliner Westhafen mit dem DCA-Award in der Kategorie Digitale Prozesse und Organisation ausgezeichnet. „Cloud- beziehungsweise Software-as-a-Service-Anwendungen wie das Gewerke-offene openHandwerk lösen die zwei aktuell wichtigsten Probleme von Handwerksbetrieben: Zu viele Aufträge und zu wenig Fachpersonal. Dank Digitalisierung werden Handwerksbetriebe deutlich profitabler, effizienter und prozessorientierter. Mitarbeiter haben wieder mehr Zeit für das Wesentliche!“ Wie gut sich diese Aussage umsetzen lässt, beweist Urbanek mit Vallovapor jeden Tag.