Viele offene Stellen – aber nicht für Flüchtlinge?

Die Situation ist reichlich paradox. In Deutschland gibt es momentan 550.000 offene Stellen. Außerdem bleiben hierzulande laut dem Berufsbildungsbericht 2015 jährlich 37.100 Lehrstellen unbesetzt. Gleichzeitig kommen viele Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten nach Deutschland. Gebeutelt von Krieg und Elend hoffen sie auf ein besseres Leben – und einen Arbeitsplatz, der ihnen ein sicheres Einkommen ermöglicht. Einige Flüchtlinge und Asylbewerber sind überaus qualifiziert und bringen wichtige Fachkenntnisse mit. Was liegt da näher, als ihnen einen Job zu geben?

Wenig. Nur macht das Gesetz Flüchtlingen, Asylbewerbern und Unternehmern häufig einen Strich durch die Rechnung:

  • Das Dublin-Abkommen sieht vor, dass Asylsuchende in jenen Ländern Asyl beantragen, in denen sie angekommen sind. Also in den meisten Fällen in Italien, Griechenland oder Malta. Da sich viele Flüchtlinge trotzdem auf dem Weg nach Deutschland machen, droht ihnen hier die Abschiebung.
  • Für die ersten drei Monate besteht für Asylsuchende und Geduldete ein generelles Arbeitsverbot. Ist diese Frist vorbei, dann haben Ausländerbehörden großen Ermessensspielraum, um den Asylbewerbern ein Arbeits- oder Ausbildungsverbot zu erteilen. Das berichtet die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl.
  • Ein Asylverfahren dauert in Deutschland im Schnitt rund sieben Monate. Bei Afghanen zogen sich die Verfahren durchschnittlich über 16,5 und bei Pakistani sogar über 17,6 Monate hin. Dies hat eine Studie der Bertelsmann Stiftung ergeben.

Infobox: Einen freien Zugang zum Arbeitsmarkt haben:

  • Flüchtlinge mit einer Aufenthaltserlaubnis
  • Anerkannte Flüchtlinge und Aslyberechtigte
  • Kontingentflüchtlinge, die im Rahmen von humanitären Hilfsaktionen nach Deutschland kommen

Wirtschaft will Flüchtlinge früher einstellen

Vielen Unternehmern dauert es zu lange, bis die Betroffenen die entsprechenden Papiere von den Behörden erhalten. Herwarth Brune von der Zeitarbeitsfirma Manpower sagte im Gespräch mit der Welt:

"Wenn wir die Möglichkeit hätten, Flüchtlinge relativ schnell in Jobs zu bringen, das wäre doch sensationell – für alle. Dann stehen sie nicht auf der Straße, sind produktiv, steigern ihr Selbstwertgefühl und tragen zu den Steuereinnahmen bei – das ist alles Win-Win-Win."

In dieselbe Kerbe schlagen Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer und DIHK-Präsident Eric Schweitzer. Sie forderten erst bei einer Pressekonferenz die Politik zum Handeln auf. Flüchtlinge, die einen Ausbildungsplatz gefunden haben, sollen sicher in Deutschland bleiben dürfen. Bisher ist dies nicht der Fall.

Flüchtlinge einstellen: Das ist die Rechtslage

Wer als Unternehmer Flüchtlinge einstellen will, sollte einige Punkte beachten:

    • Arbeitserlaubnis: Flüchtlinge mit einer Aufenthaltsgestattung oder einem Duldungsstatus können nach drei Monaten einer Beschäftigung nachgehen. Besser trifft es Flüchtlinge mit einer Aufenthaltserlaubnis: Diese dürfen jede Stelle sofort annehmen. Eine Aufenthaltserlaubnis dauert in der Regel zwischen 1 und 3 Jahren. Sie kann von der zuständige Ausländerbehörde aber auch darüber hinaus verlängert werden.
    • Vorrang für Deutsche und EU-Bürger: Flüchtlinge im Asylverfahren oder mit einer Duldung müssen eine 15-monatige Frist abwarten. Erst dann gibt es für sie eine uneingeschränkte Beschäftigungserlaubnis. Bevor die Frist nicht verstrichen ist, besitzen die Flüchtlinge nur einen nachrangigen Zugang zum Arbeitsmarkt. Das heißt, dass Deutsche und EU-Ausländer ein Vorrecht auf die freien Jobs besitzen. Für Auszubildende und Praktikanten gilt diese Vorrangregelung nicht.
    • Keine Zustimmung der Arbeitsagentur wird für die Berufsausbildung, Praktika zu Weiterbildungszwecken, Freiwilligendienst oder die Arbeitsaufnahme von Hochqualifizierten benötigt. Personen mit einer Aufenthaltsgestattung müssen in diesen Fällen allerdings die Drei-Monats-Frist einhalten.

Sprache als Voraussetzung für eine gelungene Integration

Wer in einem hiesigen Unternehmen arbeitet, sollte die deutsche Sprache beherrschen. Doch die einzig flächendeckenden Sprachkurse sind die Integrationskurse des Bundes. Der Haken: Flüchtlinge dürfen diese Kurse erst absolvieren, wenn sie eine Aufenthaltserlaubnis besitzen. Während das Asylverfahren läuft, sind die Betroffenen vom größten Sprachförderprogramm ausgeschlossen. Außerdem sind viele Behörden aufgrund der hohen Anzahl der Flüchtlinge überfordert. Abhilfe schaffen lokale Initiativen, wie die Sprachkurse des Flüchtlingszentrums in Hamburg oder des bayerischen Staatsministeriums.

Weiterführende Links: 

  • Flüchtlinge einstellen: Informationen und Hilfestellungen gibt es auch bei Pro Asyl.
  • Asylbewerber, Flüchtlinge, Migranten – bei den ganzen Begriffen kommt man schnell durcheinander. Der Bayerische Rundfunk klärt auf.
  • Das Berliner Netzwerk Bridge berät Unternehmen bei der Einstellung von Flüchtlingen.