Wenn Stakes unleashed werden: Man spricht Gamisch

Der Mann spricht unverkennbar Deutsch. Doch wer Maxim Markow  zuhört, versteht dennoch erst einmal nur Bahnhof: Es wimmelt von Spezialbegriffen und Fantasiewörtern, Deutsch und Englisch werden vermischt und wie eine neue Sprache genutzt. Hier hat ein Spieler „Charges“ gesammelt, „Stakes“ werden „unleashed“. Und manchmal fragt er seine Fans, was sie von den neuen „Items“ halten und ob eine Figur ein guter „Rework“ ist. „Es sind genau diese Spells“, sagt er, „die konstant weniger Damage machen.“ Alles klar: Das ist die Sprache der Gamer und Markow ist ihr Sprachrohr.

Das Spiel, mit dem sich der professionelle Spielekommentator besonders gut auskennt und das er selbst leidenschaftlich gern spielt, heißt „League of Legends“. Das Strategiespiel ist ein Hit und wird täglich von rund 70 Millionen Menschen weltweit gespielt. Doch wie wurde der 28-jährige Leipziger vom begeisterten Gamer zum populären Kommentator?

Maxim Markow Maxim Markow gilt als der Béla Réthy der Gaming-Branche. (© 2017 Helena Kristiansson/ESL )

 

Anfangs wollte Markow Lehrer an einer Förderschule werden, sagt er. In einem später aufgenommenen YouTube-Video erzählt er, warum er den Pädagogenjob doch nicht antreten wollte. Dieser Moment des „Tiltens“, wie es in der Gamer-Sprache heißt, also als das Spiel für ihn im übertragenen Sinne aus war, ist bewegend: Markow, so sagt er, kam schlicht mit der Gewalt gegen Kinder nicht mehr zurecht, die er täglich als Sonderpädagoge im Rahmen seines Studiums erleben musste.

Zur Person

Maxim Markow (28) ist einer der bekanntesten deutschen E-Sport-Kommentatoren. Angestellt ist er bei der auf E-Sport spezialisierten Marketingagentur Freaks 4U Gaming in Berlin. Markows Karriere begann auf YouTube: Dort erklärt er seit nunmehr über drei Jahren die Besonderheiten des Strategiespiels „League of Legends“. Sein Kanal „LetsReadSmallBooks“ hat über 400.000 Abonnenten.

Erfolg dank YouTube

2012 startete er dann seinen eigenen YouTube-Kanal „LetsReadSmallBooks“. Damit wollte Markow die Kids via Internet erreichen, indem er ihnen Bücher vorliest. „Die meisten verbringen ihre freie Zeit aber lieber mit Games als mit Büchern“, musste er feststellen. Also sattelte Markow um und begann nebenbei die Spielzüge bei „League of Legends“ zu kommentieren, analysierte Spielgegenstände und erklärte die besten Teamaufstellungen.

Seine Auftritte waren gefragt: Didaktisch und unterhaltsam zugleich, begeistert er seine Abonnenten und wird bald von der Berliner Agentur Freaks 4U Gaming als Profikommentator verpflichtet. Drei Tage in der Woche verbringt Markow in Leipzig bei seiner Familie. Vier Tage arbeitet er in Berlin bei der Agentur. Mit knapp 120 Mitarbeitern produziert der Mittelständler professionelle Live-Übertragungen und wurde 2016 bereits zum zweiten Mal vom Magazin FOCUS zum Wachstumschampion ausgezeichnet. Auf 400 Quadratmeter Studiofläche werden Sendungen zu Videospielen erstellt und Wettkämpfe zwischen Gamern übertragen.

Maxim Markow Maxim Markow während des Pepper-Cup-Finals 2014 (© 2017 Helena Kristiansson)

 

Deutschlands Vorzeigekommentator für E-Sport

Seit einigen Jahren gilt der Leipziger mit der Schnoddersprache und dem sympathischen Auftreten als Deutschlands Vorzeigekommentator in der Liga professioneller Computerspieler. Sein Job gleicht dem der Profikommentatoren beim Fußball oder bei Boxkämpfen. Markow bereitet Vor- und Nachberichte zu Turnieren auf, analysiert Spielzüge und Figuren und führt Interviews mit Profispielern. „Wir wollen möglichst nah an den Sportkommentar im Fernsehen herankommen", erklärt er seine Rolle im Videointerview mit dem Deutschen Fachjournalistenverband. Anders als seine Kollegen im Fernsehen sind YouTube-Stars wie Markow allerdings auch wesentlich enger mit der Spiele-Community verbunden. „Wir treffen Fans auf Events, reden dort mit ihnen und tauschen uns auch über Chats aus. Das ist alles viel handfester im Vergleich zu Kommentatoren im Fernsehen“, betont er im Videogespräch.

Nicht nur Leidenschaft und Nähe sind wichtig, auch ein hohes Maß an eigener Gaming-Kompetenz ist in der Szene unerlässlich. „Die Community ist sehr streng“, erklärt Markow. „Um von ihr akzeptiert zu werden, musst du das Spiel selbst gut beherrschen. Wenn du das Spiel nicht so gut kannst, wird deine Kompetenz als Kommentator viel stärker hinterfragt als beispielsweise bei einem Fußballkommentator, bei dem sich niemand dafür interessiert, in welchem Verein er früher gespielt hat.“

Gaming-Trends Von Mobile Gaming bis Virtual Reality: die aktuellen Gaming-Trends in Deutschland (© 2017 Bitkom)

 

Der Millionenmarkt boomt weiter

Profis wie Markow bedienen inzwischen einen Riesenmarkt: Nach einer aktuellen Befragung des Digitalverbands Bitkom spielen zwei von fünf Bundesbürgern (42 Prozent) ab 14 Jahren regelmäßig auf Computer, Konsole oder Handy. Das entspricht rund 30 Millionen Personen. „Gaming hat sich auf hohem Niveau in Deutschland etabliert“, bestätigt Bitkom-Studienleiter Martin Börner. Bei den E-Sport-Events treten hoch bezahlte Profis an, schicken ihre Avatare in Fantasieschlachten. In der Spitze verfolgen 30.000 Zuschauer Wetmeisterschaftsspiele live, wie Markow im Auftrag von Freaks 4U Gaming Spielzüge erläutert und Zweikämpfe kommentiert. 2016 zählte das Community-Netzwerk der Agentur fast 300 Millionen Seitenaufrufe.

Professionelle Spieler, sogenannte Pro-Gamer, spielen um Titel, Sponsorenverträge und hohe Millionenbeträge – begeistert verfolgt von einer riesigen Fangemeinde. Als Vermittler und Entertainer haben sich die Kommentatoren etabliert. Doch was zeichnet einen guten E-Sport-Berichterstatter aus? „Wichtig ist, ein großes Redebedürfnis zu haben“, sagt Markow im DFJV-Interview. „Ich kann stundenlang über Computerspiele reden – egal welcher Art. Selbstverständlich muss man auf das Spiel, das man kommentiert, auch richtig Lust haben.“

Das dürfte noch eine ganze Weile so bleiben, denn die E-Sport-Zukunft sieht rosig aus. „Es wird größer, schneller und besser werden, die Zuschauerzahlen werden von Jahr zu Jahr steigen“, prophezeit Markow. „Ich persönlich möchte nicht nur vom Studio aus streamen und kommentieren, sondern auch live vor Ort sein.“ Anders gesagt: Markow wird unleashed!