Digitaler Wandel: Deutsche Unternehmen brauchen einen langen Atem

Der digitale Wandel in der Wirtschaft, kurz Industrie 4.0,  scheint in deutschen Unternehmen angekommen zu sein. Vor allem Mittelständler nutzen vermehrt smarte Techniken. Und sie zeigen laut einer aktuellen Studie der Managementberatung Horváth & Partners, der EBS Universität für Wirtschaft und Recht und der Deutschen Messe AG im Vergleich zu kleinen und großen Firmen den höchsten Reifegrad in Sachen Digitalisierung. Dennoch: In der Breite hat sich dieses Thema in der heimischen Wirtschaft noch nicht etabliert.

Studie Industrie 4.0 Laut der Studie greifen Mittelständler vermehrt auf smarte Technologien zurück. Was die Digitalisierung in diesem Bereich angeht, weisen sie im Vergleich zu kleinen und großen Firmen den höchsten Reifegrad auf. (© 2017 Horváth und Partners)

 

Die Studie stellt weiter fest, dass jedes dritte Unternehmen bereits intelligente Produkte einsetzt, die während der Produktion mit Maschinen, Anlagen und anderen Systemen kommunizieren können (sogenannte Smart Products). Nahezu jedes zweite Unternehmen verwendet solche Produkte in der Erprobungs- oder Pilotphase.

Bermerkenswert: Der Mittelstand erreicht im Durchschnitt einen um bis zu 26 Prozent höheren Reifegrad als Großkonzerne, was Techniken in den Bereichen Smart Factory, Smart Operations, Smart Products und Data-driven Services angeht. Mittelständische Unternehmen sind im Vorteil, weil sie immer wieder innovative Ansätze verfolgen und neue Konzepte schneller umsetzen.

Handlungsbedarf in der Produktion, Fertigung und Konstruktion

Die Studie der Managementberatung Horváth & Partners kommt zu dem Schluss, dass 56 Prozent der Unternehmen im Bereich Produktion/Fertigung/Konstruktion den größten Handlungsbedarf in Bezug auf die Industrie 4.0 sehen.

44 Prozent der Firmen meinen, dass ihre IT­-Infrastruktur derzeit nicht den Herausforderungen gewachsen ist, die durch die Industrie 4.0 gestellt werden. Diese Auffassung wird überdurchschnittlich häufig von großen Unternehmen geteilt (50 Prozent). Und auch jeder zweite Spezialist aus der IT­-Abteilung vertritt diese Meinung – diese Experten können es von technischer Seite wohl am besten einschätzen.

Wie gut sind die deutschen Unternehmen für die Industrie 4.0 aufgestellt?

Eine weitere Studie zum Thema Industrie 4.0 von IDG Research Services analysiert, wie weit deutsche Unternehmen bei der Digitalisierung vorangekommen sind.

IDG-Studie 2017 Industrie 4.0 Unternehmen müssen in den Bereichen Produktion, IT sowie Forschung und Entwicklung nachlegen, um fit für die Industrie 4.0 zu werden. (© 2017 IDG)

 

Das zentrale Ergebnis der IDG-Studie: Deutsche Firmen stehen noch am Anfang der digitalen Revolution. Insbesondere Mitarbeiter aus den Bereichen Produktion und Fertigung unterschätzen die Auswirkungen von vernetzten Anlagen und Maschinen. Nur etwas mehr als ein Drittel (36 Prozent) der befragten Unternehmen bewertet die Relevanz der Industrie 4.0 als sehr hoch oder hoch, 34 Prozent schätzen sie als eher niedrig bis sehr niedrig ein.

Das Thema Industrie 4.0 spielt bei großen Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern (44 Prozent) und einem IT­-Etat von mehr als zehn Millionen Euro (51 Prozent) eine größere Rolle als bei kleineren Firmen.

Immerhin gehen zwei Drittel (65 Prozent) der Unternehmen davon aus, dass die Industrie 4.0 innerhalb der nächsten drei Jahre für sie wichtig oder sehr wichtig sein wird. Nur 14 Prozent der Firmen stufen die künftige Bedeutung von Industrie 4.0 als eher niedrig bis sehr niedrig ein.

Matthias Teichmann Matthias Teichmann (© 2017 IDG Research Services) - www.michaelsteiner.eu

„Unternehmen in Deutschland können die Bedeutung des Themas Industrie 4.0 immer besser einordnen. Im Vergleich zu den Großunternehmen unterschätzt der Mittelstand aber die notwendigen Schritte, die gleichzeitig auf Seiten der Unternehmens-IT einzuleiten sind.“

Matthias Teichmann
Studienleiter IDG Research Services

Cloud-Computing als wichtigste Technologie für die Industrie 4.0

Die IDG-Studie stellte außerdem fest, dass es in 63 Prozent der deutschen Unternehmen durch die Industrie 4.0 zu zusätzlichen Investitionen kommt.

Etwas mehr als die Hälfte der Unternehmen (52 Prozent) investiert in Lizenzierung und Support für die benötigten Tools/Plattformen sowie die Schulung der Mitarbeiter. Knapp dahinter folgen Ausgaben für Hardware wie Server, Speicher oder Netzwerk (49 Prozent) und externe Beratung (46 Prozent). „Notwendig sind vor allem IT-Investitionen, da eine effiziente, agile und sichere IT-Infrastruktur eine wesentliche Basis für die erfolgreiche Umsetzung von Industrie 4.0 darstellt“, sagt Studienleiter Teichmann.

Im Detail gelten Schlüsseltechniken wie Cloud-Computing, Sicherheitslösungen und Big Data als unverzichtbar für eine erfolgreiche Umsetzung von Industrie 4.0. Doch nur wenige Unternehmen setzen diese Techniken bereits ein. „Hier herrscht großer Nachholbedarf“, mahnt Teichmann. Beispiel Cloud-Computing: 54 Prozent der Firmen halten es zwar für unverzichtbar bei der Industrie 4.0, aber nur 24 Prozent nutzen die Cloud tatsächlich.

Ähnlich durchwachsen sieht es bei Security-Lösungen und Analytics aus. Security-Techniken halten 51 Prozent der Befragten für zentral, jedoch setzen nur 23 Prozent entsprechende Lösungen ein. Analytics/Big Data sieht die Hälfte der Firmen als unverzichtbar für die Industrie 4.0 an, aber nur 14 Prozent nutzen derartige Techniken.

Festzustellen bleibt: Die überwiegende Mehrheit der deutschen Mittelständler hat die Zeichen der Zeit erkannt und ist sich der Bedeutung von Industrie 4.0 durchaus bewusst. Allerdings sind noch nicht überall die nötigen Strukturen vorhanden. Vor allem in den Bereichen der IT-Infrastruktur sowie beim Cloud-Computing müssen deutsche Unternehmen in den nächsten Jahren verstärkt investieren, um konkurrenzfähig zu bleiben.

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