Poppy schaut arglos drein und reicht willfährig seine Hand. Gerade einmal 84 Zentimeter groß ist der niedliche kleine Roboter des französischen Forschungsinstituts für Informatik und Automatik (INRIA). Erst im vergangenen Jahr lernte Poppy auf der Robotikmesse Innorobo in Lyon an der Hand eines Menschen laufen. Seine Anatomie gleicht seinem Vorbild: zwei Arme, zwei Beine, ein Körper, ein Hals, auf dem ein kleiner Kopf mit zwei Augen sitzt. Fünf Motoren treiben die Bewegungen an, die durch die ausgefeilte Wirbelsäule erst möglich werden. Einziger Lebenszweck des Roboters, der aus einem 3-D-Drucker stammt: die komplexen Bewegungsabläufe des Menschen für die Forscher verständlicher zu machen.

Jeder kann Poppy mit einem 3-D-Drucker ausdrucken und das Verhalten des Roboters frei programmieren. Jeder kann Poppy mit einem 3-D-Drucker ausdrucken und das Verhalten des Roboters programmieren. (© 2015 Inria / Photo H. Raguet)

Der niedliche Poppy zählt zur Gattung der Serviceroboter. Im 
Unterschied zu den allein hierzulande 176 000 vornehmlich in der Automobilfertigung eingesetzten Industrierobotern dienen sie dem Menschen direkt. Sie arbeiten sogar Hand in Hand im Team mit ihnen. Serviceroboter sollen die Menschen von Routineaufgaben befreien und ihnen schwere Lasten und lange Wege abnehmen.

"Roboter sind auch dort nützlich, wo es für uns zu gefährlich ist oder wo wir zu viele Fehler machen."

Patrick Schwarzkopf
Geschäftsführer des VDMA-Fachverbandbereichs Robotik und 
Automation in Frankfurt

"Das reicht von feinchirurgischen Eingriffen, bei denen Roboter Medizinern assistieren, über die auf ein Zehntelmillimeter genaue Positionierung von Patienten beim Bestrahlen bis zu Einsätzen 
in Katastrophengebieten, um dort die Lage zu 
erkunden oder spezielle Hilfsaufgaben zu übernehmen", sagt Roboterexperte Schwarzkopf im Interview mit mittelstand – DIE MACHER weiter.

Personal Roboter für jeden

Geht es nach den Vorstellungen der Forscher vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA in Stuttgart, wird künftig sogar jeder seinen eigenen Personal Roboter haben. Seit den 1990er-Jahren forscht das IPA an einem elektronischen Butler. Die vierte Generation des Roboters, der "Care-O-bot 4", soll jetzt endlich das Versuchslabor verlassen. Weil er mit Menschen eng zusammenarbeiten soll, spielt sein sympathisches Äußeres eine wichtige Rolle: Wie Poppy hat der Care-O-bot zwei Arme, einen Torso und einen beweglichen Kopf mit zwei Augen, bewegt sich aber auf Rollen. Die Maschine wirkt wie ein kleiner Maschinenbutler. "Das Besondere ist, dass er 
modular aufgebaut ist und verschiedene Aufgaben 
erfüllen kann", erklärt Projektleiter Ulrich Reiser. Mit seinen Armen kann er in Krankenhäusern, Hotels und Pflegeheimen einfache Hol- und Bringaufgaben erfüllen oder ältere Menschen dabei unterstützen, länger ein eigenständiges Leben zu Hause zu führen. Er kann aber auch in Warenlagern 
Kommissionierungsaufgaben übernehmen und mit einem Aufsatz im gewerblichen Umfeld Lasten transportieren. Ein Butler für alles sozusagen.

Amazons Roboterhilfe heißt Betty Bot: Der Online-Riese Amazon setzt 15 000 Serviceroboter ein. Selbstständig finden sie ihre Fracht in schmalen Regaltürmen, schieben sich darunter und bringen diese flink an den richtigen Versandplatz. Dort übernehmen Mitarbeiter die weitere Abwicklung. Amazons Roboterhilfe heißt Betty Bot: Der Online-Riese Amazon setzt 15 000 Serviceroboter ein. Selbstständig finden sie ihre Fracht in schmalen Regaltürmen, schieben sich darunter und bringen diese flink an den richtigen Versandplatz. Dort übernehmen Mitarbeiter die weitere Abwicklung. (© 2015 Bloomberg Finance LP)

Auch in den USA laufen Pilotprojekte mit dem maschinellen Helferlein. Gäste des Aloft-Hotels in Cupertino zum Beispiel können sich seit 2014 über einen speziellen Rundum-Roomservice freuen. Den übernimmt der rollende Page „Blotr“ rund 
um die Uhr und entlastet das Hotelpersonal. Auf Wunsch bedient Blotr auch den Aufzug und meldet sich telefonisch bei den Gästen, sobald er vor der Tür steht. Danach flitzt er zurück an seine Lade-station und wartet auf den nächsten Auftrag.

Ähnliche Pläne gibt es in Japan. Das technologieverliebte und mit sinkenden Geburtenraten kämpfende Land will mit einer staatlich verordneten "Roboter-Revolution" dem Mangel an Arbeitskräften vor allem in Pflegeberufen, in der Landwirtschaft und Fischerei begegnen. Im Juli hat 
das erste komplett von Robotern betriebene Henn-na Hotel (übersetzt: seltsames Hotel) in einem 
Vergnügungspark bei Nagasaki eröffnet. Damit will der Betreiber die Personalkosten auf ein Drittel senken und die Zimmer günstiger anbieten. Dienstleistung einmal anders, dachte sich auch eine japanische Großbank und setzt nun einen knapp 60 Zentimeter großen Serviceroboter in einer Filiale ein. Mit 
einer Computerstimme fragt "NAO" Kunden nach deren Anliegen und bringt sie flugs an den richtigen Schalter. Ähnlich hilfsbereit ist sein Bruder "Pepper", der Käufer in den Mobilfunkgeschäften von Softbank weiterhilft.

Flotter Barkeeper: Sex on the Beach oder einfach nur einen Cliffhanger? Auf dem neuen Kreuzfahrtschiff Quantum of the Seas mixen Roboter in der Bionic Bar minutenschnell Cocktails und Drinks. Ob geschüttelt oder gerührt – kein Tropfen wird verschwendet. Flotter Barkeeper: Sex on the Beach oder einfach nur einen Cliffhanger? Auf dem neuen Kreuzfahrtschiff Quantum of the Seas mixen Roboter in der Bionic Bar minutenschnell Cocktails und Drinks. Ob geschüttelt oder gerührt – kein Tropfen wird verschwendet. (© Dan Welldon)

Hierzulande lösen solche Roboterszenarien eher Angst als Euphorie aus. Vielfach befürchten die Menschen den Verlust ihres Arbeitsplatzes – nicht ganz zu Unrecht, wie die Sparpläne der 
japanischen Hotelkette zeigen. Die Wirtschaftswissenschaftler Carl Frey und Michael Osborne aus Oxford listen in einer Analyse 702 Berufe auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt auf, die künftig wohl von Maschinen erledigt werden könnten. 
Etwa die Hälfte davon entfällt auf einfache Verwaltungsjobs. VDMA-Geschäftsführer Schwarzkopf relativiert die Studie: "Roboter sind gut für Routineaufgaben. Wenn es um Kreativität und Urteilsvermögen geht, funktioniert das aber kaum."

Zudem stelle sich häufig die Frage, wo die Roboterisierung tatsächlich wirtschaftlich sei, meint Schwarzkopf. "In hoch industrialisierten Ländern wie Deutschland trägt sie dazu bei, die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten und die Arbeitsplätze zu sichern", betont er. Das belegen auch neueste Zahlen einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting. Demnach werden neue Robotergenerationen die Produktivität bis 2025 um rund 30 Prozent erhöhen und die Arbeitskosten um etwa ein Fünftel senken.
Bei der Roboter-Revolution in der Industrie geht es um eine stärkere Entlastung der Mitarbeiter. Im Team können sich Mensch und Maschine ideal ergänzen. Beispiel Logistik: Lange gilt die Lagerhaltung als Flaschenhals der ansonsten reibungslosen Logistikkette. Um das zu 
beschleunigen, kaufte der Online-Riese Amazon eigens die Roboterfirma Kiva auf und setzt eine kleine Armee von 15 000 Servicerobotern ein.

Ganz allein finden sie ihre Fracht in schmalen 
Regaltürmen, schieben sich darunter und bringen diese flink an den richtigen Versandplatz. Dort übernehmen Mitarbeiter die weitere Abwicklung der Bestellungen. Kollege Roboter soll gerade nicht den Menschen ersetzen, sondern ihn unterstützen und dessen Produktivität um das Drei- bis Vierfache erhöhen.

Stahlriese: Der 1,90 Meter große und 150 Kilo schwere „Atlas Unplugged“ der Google-Firma Boston Dynamics erkennt und überwindet Hindernisse selbstständig. Atlas wird per Funk gesteuert. Stahlriese: Der 1,90 Meter große und 150 Kilo schwere Atlas Unplugged der Google-Firma Boston Dynamics erkennt und überwindet Hindernisse selbstständig. Atlas wird per Funk gesteuert. (© 2015 DARPA)

Profis für Noteinsätze

Bei Einsätzen in Gefahrengebieten nach einem 
Reaktorunfall, Minenunglück oder Erdbeben sind Roboter ohnehin sehr willkommen. Forscher tüfteln 
weltweit an neuen Generationen von Superhelfern. In jährlichen RoboCup-Meisterschaften treffen sich die Forscherteams, um ihre Stahlriesen vorzustellen. "Hector" hieß zum Beispiel der Prototyp der TU Darmstadt, der 2014 in Brasilien gewann. Hector ist ein Helfer mit vielen Fähigkeiten: Er kann seine Umgebung selbstständig erkunden, vermessen und eine dreidimensionale Umgebungskarte erstellen.

Mithilfe von Wärmebild-kameras kann er verschüttete Menschen aufspüren und bergen. Ähnlich arbeitet auch "Atlas Unplugged", die kabellose Weiterentwicklung des Rettungsroboters der Firma Boston Dynamics.

Der Wettbewerb mit humanoiden Robotern wurde übrigens nach dem Reaktorunfall von 
Fukushima ins Leben gerufen. Dort hätte das 
einfache Schließen eines Ventils im verseuchten Bereich noch Schlimmeres verhindern können.

Doch die Humanoiden sind trotz aller Talente arg begrenzt: Was jedes Kind kann – Treppensteigen – ist für zweibeinige Roboter eine immense Rechenleistung. Google will das mit "Cloud Robotics" in den Griff bekommen. Rechenintensive Aufgaben werden in die Cloud ausgelagert und bei Bedarf von dort bezogen. Dadurch werden Hector und Atlas intelligenter, schneller und 
günstiger. Wenn das mal nicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft wird.

Weiterführende Links zum Thema

poppy-project.org

theroboticschallenge.org

Video über den Butlerroboter Pepper

Alles über die Serviceroboter des Fraunhofer-Instituts

Video über die Serviceroboter von Amazon