Wenn Roboter denken lernen

Beim Automobilhersteller Volkswagen in Wolfsburg herrscht in der Triebsatzmontage eine strikte Arbeitsteilung: Während ein junger Mitarbeiter im Stehen den Anlasser verbaut, muss sein Kollege Klaus den eigentlichen Knochenjob erledigen. Er bückt sich unermüdlich, um an einer schwer zugänglichen Stelle die beiden Pendelstützschrauben zu befestigen. Unfair? Zum Glück nicht, denn Klaus ist ein Roboter. Er übernimmt nicht nur den besonders anstrengenden Teil der Arbeit, er ist dabei auch extrem sanftmütig: Da seine Sensoren jede Krafteinwirkung von außen wahrnehmen, stoppt er bei Berührung sofort. Das macht ihn in der Zusammenarbeit mit Menschen sicher. Und es ist gut, dass Klaus da ist. Denn er übernimmt genau die Arbeit, die für die Beschäftigten eine schwere körperliche Belastung bedeuten – und bei ihnen schlimmstenfalls gesundheitliche Schäden hervorrufen würde.

In das Roboterzeitalter ist Volkswagen bereits 1973 eingestiegen. Klaus hieß damals aber noch Robby und war eine Eigenentwicklung: Geeignete Roboter waren zu der Zeit noch nicht verfügbar. Und so schrieb Robby in kürzester Zeit Erfolgsgeschichte. Keine fünf Jahre später waren bereits 85 Modelle der nächsten Generation im Werk unterwegs. Und heute, nach rund 40 Jahren, stellt sich der Konzern die Frage, wie es in Zukunft weitergeht. Im Unternehmensmagazin „Inside“ gibt Volkswagen einen Ausblick. Möglich wären demnach mobile Produktionsroboter, die selbst über den nächsten Fertigungsschritt entscheiden und durch die Cloud vernetzt sind. Die Software würde jedoch irgendwann so komplex, dass ein Programmierer nicht mehr alle Szenarien des Roboterverhaltens überschauen könne. Hier kämen selbstlernende Roboter ins Spiel. Eine Überlegung, mit der Volkswagen nicht allein dasteht. Machine Learning und Künstliche Intelligenz sind das Digitalisierungsthema der Stunde – und waren nicht von ungefähr eines der Top-Themen auf der vergangenen CeBIT in Hannover.

Künstliche Intelligenz (KI)

Die Bedeutung von KI oder AI (Artifizielle Intelligenz) ist nicht klar umrissen, ebenso wenig wie der Begriff Intelligenz selbst. KI bezeichnet den Versuch, die menschliche Intelligenz im Verhalten von Computern nachzubilden. Ziel ist es, selbstlernende Systeme zu schaffen, die keinem vorprogrammierten Lösungsweg folgen, sondern Aufgaben autark angehen.

Künstliche Intelligenz – nur ein Hype?

So wie Volkswagen stehen heute viele deutsche Unternehmen in den Startlöchern: Nach Big Data und Internet of Things (IoT) also jetzt Robotik 4.0 und Künstliche Intelligenz (KI). Umfassende Automatisierung lautet das Stichwort. Längst kommunizieren Maschinen miteinander, jetzt sollen sie auch lernfähig werden. Eine TSC-Studie über 13 Länder hinweg belegt den Trend. Dazu wurden 835 Führungskräfte in Großunternehmen befragt. Unter den Entscheidern betrachten 84 Prozent Künstliche Intelligenz als essenziell für ihre Wettbewerbsfähigkeit, 50 Prozent messen der Technik eine hohe Transformationskraft bei.

Symbolische Darstellung von Künstlicher Intelligenz: Die Nutzung von Machine Learning wird massiv zunehmen. (© 2017 Getty Images) - ©DE

Als Vorreiter gelten die Branchen Automotive, Konsumgüter und IT sowie Telekommunikation und Media. Aber auch in den Bereichen Chemie, Logistik, Verkehr und Pharma beschäftigen sich die Betriebe schon konkret mit dem Thema, um die neue Technik bald zu ihrem Vorteil nutzen zu können. Trotzdem planen 44 Prozent aller mittelständischen und großen Unternehmen in Deutschland noch keinen Einsatz von intelligenten Maschinen, wie eine Umfrage von TNS Infratest im Auftrag der Deutschen Telekom ergab. Dabei sind sich die Befragten darüber bewusst, dass die Nutzung von Machine Learning massiv zunehmen wird: Liegt diese aktuell bei etwa 20 Prozent, wird sie nach Schätzungen in den nächsten zehn Jahren auf mehr als 85 Prozent steigen. Dass Roboter ihnen den Job streitig machen, fürchten zwei Drittel der befragten Entscheider jedoch nicht. Immerhin – ein Drittel macht sich Sorgen. Zu Recht?

Die Folgen der vierten industriellen Revolution

Im Vorreiterland Japan sind Roboter schon längst im Alltag angekommen: zum Beispiel als Servicekräfte in einem Hotel in Sasebo. Dort arbeiten sie an der Rezeption, als Gepäckträger oder als Putzkraft. Ein klarer Wettbewerbsvorteil für die Unternehmer, denn sie können so hohen Komfort zu günstigen Preisen anbieten. Doch Roboter sind nicht nur günstiger als Angestellte, sie sind ihnen auch in vielem überlegen: angefangen bei der Belastbarkeit über die Präzision bis hin zur Anwendung von Wissen. Und umso schlauer die Maschinen werden, desto umfassender lassen sie sich einsetzen. Ray Kurzweil, Vordenker aus dem Silicon Valley, geht davon aus, dass Computer die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns bis 2030 überholt haben werden. Eine Vorstellung, die nicht jedem geheuer ist. Kein Wunder also, dass kritische Stimmen laut werden. Zu ihnen gehören die Forscher Carl Benedikt Frey und Michael Osborne von der Universität Oxford. Ihre These: Die fortschreitende Automatisierung ersetzt auf Dauer die menschliche Arbeitskraft – über kurz oder lang könnten allein in den USA 47 Prozent aller Jobs wegfallen. Da Roboter einfache Routinearbeiten übernehmen können, besteht vor allem ein Arbeitslosigkeitsrisiko im Niedriglohnsektor, bei einfachen Dienstleistungen und Bürotätigkeiten sowie im Handel. Eher sicher erscheinen dagegen Berufe, die soziale Kompetenz und Kreativität erfordern. Also heute noch Sachbearbeiter im Büro und morgen schon Dauergast im Jobcenter? So einfach ist es dann zum Glück auch wieder nicht. Sicher, traditionelle Berufsbilder werden sich in den nächsten Jahren stark wandeln. Doch darin liegt auch eine große Chance. Dieses Bild zeichnet zumindest eine Untersuchung der Unternehmensberatung Accenture: Demnach wird unsere Wirtschaft durch Künstliche Intelligenz mittelfristig sogar wachsen. Allein in Deutschland erwarten die Ökonomen bis 2035 einen Anstieg des Wirtschaftswachstums um jährlich drei Prozent. Das würde eine Verdoppelung gegenüber des Basisszenarios mit einer Wachstumsrate von 1,4 Prozent pro Jahr bedeuten. Die Wohlstandseffekte könnten dramatisch sein. Schon allein das ist ein guter Grund, sich dem Fortschritt nicht zu verschließen.

Wie Künstliche Intelligenz das Wirtschaftswachstum treibt

 
(© 2017 )

Fazit: Es liegt in unseren Händen

Technologisierungsängste hier, Wohlstandseuphorie dort: Die aktuelle Diskussion mutet zuweilen an wie eine Glaubensfrage. Selbst Experten sind sich noch uneinig, wohin die Reise geht. Sicher ist: Wie bei jeder neuen Technik gehen Chancen und Risiken Hand in Hand. So wie die Elektrizität oder die moderne Medizin könnte Machine Learning bald die Lebensqualität der Menschen erheblich verbessern. Dabei müssen jedoch soziale, ökologische und ethische Aspekte frühzeitig mitgedacht werden. Ob und inwieweit neue Arbeits- und Einkommensmodelle oder soziale Förderungen erforderlich sind, wird Ökonomen, Politiker und Soziologen in den kommenden Jahren weiter beschäftigen. Bis dahin muss der Fokus weiter darauf liegen, unser Leben durch neue Technik einfacher und sicherer zu gestalten. So wie die Roboter Klaus und Robby es bei ihren Kollegen im Volkswagen-Werk schon seit 40 Jahren verlässlich tun.

Experten-Interview: Keine Angst vorm Robo sapiens

Ken Goldberg, Robotik-Professor an der University of California in Berkeley, über Berührungsängste mit Robotern – und warum wir ihren Einfluss überschätzen.

Weiterführende Links zum Thema:

„Maschinelle Intelligenz – Fluch oder Segen? Es liegt an uns!“
https://www.telekom.com/de/konzern/digitale-verantwortung/details/maschinelle-intelligenz---fluch-oder-segen--es-liegt-an-uns---352202

Studie: Künstliche Intelligenz darf nicht zu schlau sein.
https://digitaler-mittelstand.de/technologie/news/studie-kuenstliche-intelligenz-darf-nicht-zu-schlau-sein-28307

Interview: Der US-amerikanische Informatiker, Musiker und Unternehmer Jaron Lanier über Künstliche Intelligenz
https://www.telekom.com/de/konzern/digitale-verantwortung/bleibt-ruhig-es-ist-nur-technik/bleibt-ruhig-es-ist-nur-technik/video-interview-mit-jaron-lanier-444266