Herr Professor Wahlster, wie erklären Sie einem Laien Künstliche Intelligenz?

KI ist die Wissenschaft, die sich damit beschäftigt, die Fähigkeiten des Menschen, sich intelligent zu verhalten, auf Computern nachzuahmen.

Das klingt recht harmlos. Dennoch löst KI bei vielen Menschen Ängste aus. Sie befürchten den Verlust ihres Arbeitsplatzes und glauben gar, dass die Menschheit ausgelöscht werden kann. Andere wiederum erhoffen sich davon nicht weniger als das ewige Leben. Wo liegen Ihrer Einschätzung nach die Chancen und Grenzen von KI?

Wissenschaftler auf dem Gebiet der KI halten wenig von Ray Kurzweils These, dass die Menschheit mithilfe von Künstlicher Intelligenz die Unsterblichkeit erlangen kann. Andererseits gibt es kein Naturgesetz, das besagt, dass dies niemals möglich sein wird. Auf der kognitiven Seite sind Computer den Menschen in einigen Bereichen überlegen. Bereits vor der Jahrtausendwende hat ein Computer zum Beispiel den Schachgroßmeister geschlagen. Aber daraus den Schluss zu ziehen, KI wäre dem Menschen grundsätzlich überlegen, ist Unsinn. Denn die Intelligenz des Menschen setzt sich aus vielen Dimensionen zusammen und die kognitive Leistung bei Brettspielen ist nur ein ganz kleiner Ausschnitt davon. Trotz der großen Fortschritte auf vielen Teilgebieten der KI sind wir selbst von den alltäglichen Intelligenzleistungen eines Menschen noch weit entfernt und erreichen hier nicht einmal Vorschulniveau.

Aber macht KI Arbeit tatsächlich überflüssig? Oder entstehen durch Automatisierung und Digitalisierung auch neue Arbeitsplätze?

Klar ist: Wie bei jeder technologischen Weiterentwicklung fallen Arbeitsplätze weg. Aber es entstehen auch viele neue. Obwohl wir die höchste Roboterdichte in ganz Europa haben, hat Deutschland am wenigsten Arbeitslose. Durch die Roboter sind wir konkurrenzfähig und können ausgelagerte Arbeitsplätze aus den Billiglohnländern zurückholen. Die intelligente Automatisierung kommt auch dem Trend zur Individualisierung in der Produktion entgegen sowie dem Wunsch der Kunden, ihre selbstkonfigurierten Produkte spätestens in zwei Tagen zu erhalten.

Zur Person

Wolfgang Wahlster (64), Professor für Informatik an der Universität des Saarlandes, leitet als technisch-wissenschaftlicher Direktor und Vorsitzender der Geschäftsführung das 1988 gegründete Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). Mit rund 800 Wissenschaftlern in Saarbrücken, Kaiserslautern, Bremen und Berlin ist es die weltweit größte Forschungseinrichtung auf diesem Gebiet. Für seine herausragenden Forschungsarbeiten zur KI erhielt Wahlster zahlreiche Auszeichnungen, wie den Zukunftspreis des Bundespräsidenten, das Bundesverdienstkreuz erster Klasse und drei Ehrendoktorwürden.

In welchen Berufen hat der Mensch bald ausgedient?

Wie befinden uns in der sogenannten zweiten Welle der Digitalisierung: Die Maschinen können dank KI digitale Inhalte verstehen. Das führt verstärkt dazu, dass Tätigkeiten im Backoffice von Banken und Versicherungen durch maschinelle Intelligenz weitestgehend ersetzt werden können. Wenn es aber um die sozial-emotionale Intelligenz geht, wie etwa bei der Mitarbeiterführung, ist der Mensch unentbehrlich. Auch die sensomotorische Intelligenz eines Fabrikarbeiters bei Feinarbeiten kann noch kein Roboter erreichen. Das wird bestimmt noch die nächsten fünf bis zehn Jahre so bleiben.

 

Kann sich KI in irgendeiner Form verselbstständigen? Und wer zieht am Ende den Stecker?

Dieses Science-Fiction-Szenario ist zumindest heute nicht denkbar. Die Systeme sind zwar so programmiert, dass sie sich selbst verändern, also dazulernen, aber sie verfolgen immer ein Ursprungsziel. Die meisten KI-Systeme haben kurzfristige Ziele, etwa den Schachweltmeister zu besiegen oder die optimale Investition an der Börse herauszusuchen. Denkbar ist in Zukunft, dass sie auch über eine längere Zeitspanne ein Ziel verfolgen, etwa das Vermögen über zehn Jahre zu optimieren. Dann setzt sich die KI selbst Zwischenziele.

Wo sehen Sie in Deutschland die wichtigsten Einsatzbereiche von KI?

KI gilt als Beschleuniger für die Industrie 4.0. Aber auch im Automobilbereich wird KI bei Fahrerassistenzsystemen schon flächendeckend eingesetzt. Bei KI-Anwendungen in Handel und Logistik ist Deutschland sehr stark aufgestellt. In der Logistik etwa melden sich Temperatursensoren, wenn es ein Problem in der Kühlkette gibt. Der Einzelhandel profitiert von intelligenten Regalen, von Dynamic Pricing mit schnell anpassbaren Preisen für bestimmte Waren oder vom Positionsfinder im Shop. Beim saarländischen Handelskonzern Globus zeigt ein Artikelfinder des DFKI bereits den Kunden den Weg zum gesuchten Produkt in großflächigen Warenhäusern.

Wolfgang Wahlster Wolfgang Wahlster mit Sonys Roboter-Hund Aibo (© 2017 DFKI GmbH)

 

Was bedeutet KI für die Interaktion zwischen Mensch und Maschine bei der Industrie 4.0?

Im Bereich der Cobots, die Seite an Seite mit Menschen arbeiten, ist Deutschland weltweit führend. Das Neueste sind Teamroboter in verschiedenen Ausführungen, die, wie in menschlichen Teams, unterschiedliche Aufgaben haben, etwa schwere Lasten heben oder Aufgaben in großer Höhe erledigen. Die Roboterteams arbeiten mit Menschenteams zusammen, wobei sich die Maschinen den Menschen anpassen und nicht umgekehrt. Das haben wir kürzlich als Forschungsprojekt getestet und wird jetzt bei VW bei der Unterbodenmontage erprobt, bei der die Arbeiter bislang anstrengende Überkopfarbeiten verrichten mussten. Das Interessante ist, dass es im Roboterteam auch einen Teamleiter gibt, der die anderen Roboter steuert. Der Mensch bleibt aber immer der Chef.

Welche Chancen bietet KI heute schon kleinen und mittleren Unternehmen?

Mithilfe von Datenbrillen und KI können sich Mitarbeiter in Handwerksbetrieben Reparaturanleitungen anzeigen lassen, so werden falsche Handgriffe vermieden. KI wird auch in der Lagerlogistik genutzt. Interessant finde ich den Einsatz von Cobots als Backup in Betrieben, wo sie etwa als Springer fungieren und Mitarbeiter bei Ausfällen oder in Stoßzeiten bei einfachen Tätigkeiten entlasten – etwa Brötchen in den Backofen schieben oder Waren verpacken. Einfache Modelle um die 20.000 Euro machen sich hier schnell bezahlt.

Kann KI die langjährigen Erfahrungen und die Intuition zum Beispiel eines Mediziners oder Künstlers ersetzen?

Die Erfahrung auf jeden Fall. Die Basis für maschinelles Lernen ist ja, dass wir enorm viele Daten zum Anlernen und Trainieren haben. Kein Mensch ist in der Lage, so viele Hintergrunddaten auszuwerten wie IBMs Watson oder unsere DFKI-Systeme, die mit Deep Learning arbeiten. KI kann also Fachliteratur heranziehen, etwa im medizinischen Bereich, oder im Bereich der Wirtschaftskriminalität blitzschnell einen Betrug erkennen. Das Problem bei Deep Learning ist noch, dass die Systeme nicht in der Lage sind, das Ergebnis zu erklären. Wir arbeiten derzeit an Erklärungskomponenten, die dem Menschen ihre Entscheidungsvorschläge plausibel machen. Es dauert mindestens noch fünf Jahre, bis diese kommerziell verfügbar sind.

Wolfgang Wahlster Seit 1993 arbeitet eine von Wolfgang Wahlster geleitete Projektgruppe an einem Leitvorhaben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung namens Verbmobil – ein System für die mehrsprachige Verarbeitung gesprochener Sprache. (© 2017 )

 

Ganz schön schlau, aber kann KI auch Fehler machen?

Früher sprach man von Software- oder Programmierfehlern, wohl wissend, dass hinter dem Fehler immer ein Mensch steckte. Neu ist bei den lernenden KI-Systemen, dass sie nicht programmiert werden, sondern sich durch Training neue Problemlösungsmethoden aneignen. Wenn man sie allerdings mit falschen Trainingsdaten füttert, dann bekommt man das, was die Amerikaner „garbage in, garbage out“ nennen, also Datenmüll. Daher ist die Kontrolle der Trainingsdaten eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Wir werden selbstlernende Systeme als wertvolle Hilfen bei der Entscheidungsunterstützung nutzen, aber ohne dauerhaft alle Entscheidungen an solche Systeme zu delegieren. Auch der Autopilot muss von einem menschlichen Piloten wegen einer klar erkennbaren Fehlfunktion abgeschaltet werden können.

Worin sehen Sie von KI ausgehende Gefahren?

Hinter KI stecken immer Menschen oder Organisationen. Wenn Kriminelle oder totalitäre Staaten sie missbrauchen, ist das eine echte Gefahr, die wir heute schon mit der Verbreitung von Propaganda und Fake News erleben. Allerdings werden diese wiederum auch mithilfe von KI entlarvt. Weltweit tobt bereits ein heftiger Kampf der KI-Systeme und -Abwehrsysteme, was viele gar nicht mitbekommen. Das DFKI arbeitet hier in einigen Bereichen mit dem BKA zusammen.