Frau Gebhardt, Ihr Buch „2037 – Unser Alltag in der Zukunft“ beschreibt, wie wir in einer stark digitalisierten und vernetzten Welt leben und arbeiten werden. Ihr Buch ist bereits vor fünf Jahren erschienen. Wie waren damals die Reaktionen auf Ihre Szenarien?
Als ich mein Buch 2012 vorstellte, waren die Leute noch ziemlich erschrocken. Letztes Jahr hatte ich eine Lesung in Hamburg, da war die Reaktion schon gemäßigt. Mein Szenario geht von einer starken Digitalisierung und Vernetzung aus, bei der wir ständig unsere Profile kommunizieren. Personal Assistents, die uns über Apps zur Verfügung stehen, werden unseren Alltag organisieren. Der Film „Her“ aus dem Jahr 2013, in dem das Betriebssystem Samantha mit dem Protagonisten wie ein menschliches Wesen interagiert, hat dies ziemlich anschaulich gezeigt.

Und inzwischen nutzen wir beruflich wie privat Apps für viele Aufgaben.
Wir professionalisieren uns in einer gewissen Weise, weil wir auch im Privatleben Tools zur Verfügung haben, die aus der Arbeitswelt kommen. Sie erledigen sozusagen das Backoffice für uns. Dafür greifen sie immer auf unsere Profile zu, filtern bestimmte Aufgaben und erledigen sie. Sie nehmen uns viel Arbeit ab und sparen uns Zeit. Die Folge wird aber auch sein, dass sich Arbeit und Privatleben in Zukunft stärker „entgrenzen“ – beide Bereiche werden zunehmend vom persönlichen Assistenten organisiert.

Zur Person

Birgit Gebhardt war von 2007 bis 2012 Geschäftsführerin des Beratungsunternehmens Trendbüro, nachdem sie dort bereits sechs Jahre lang als Senior Consultant Produkt- und Kommunikationsstrategien entwickelt hatte. Seither erforscht sie neue Modelle des vernetzten Wirtschaftens und Arbeitens und berät branchenübergreifend Kunden auf dem Weg in die „New Work Order“, deren Chancenfelder sie in den gleichnamigen Studien beschreibt. Im Auftrag der Körber-Stiftung entwickelte sie in ihrem Buch „2037 – unser Alltag in der Zukunft“ im Jahr 2012 ein Lebensszenario unserer Gesellschaft in 25 Jahren.

www.New-Work-Order.net

Im Arbeitsumfeld wird dies Probleme bereiten, weil dieser persönliche Assistent ständig viele Daten benötigt. Unternehmen lassen den Zugriff auf die Daten jedoch nicht zu und sperren sich selbst hinter ihrer Firewall weg von den vielfältigen Möglichkeiten der Digitalisierung und Vernetzung.

Aber müssen sie sich gerade wegen der zunehmenden Vernetzung nicht besser schützen?
Letzten Endes ist die Logik der Vernetzung, dass sich das Unternehmen öffnet gegenüber seinen Kunden, Lieferanten, Partnern und gegenüber Plattformen. Da ist es kontraproduktiv, sich wegzusperren. Klar, dass Unternehmen ihre Inhalte und Ideen schützen wollen und müssen, aber sie blockieren sich auch und nehmen sich eine Schnelligkeit, die ihnen die Vernetzung bietet und die sie unbedingt brauchen.

Wie kann ihnen der Spagat zwischen Offenheit und Sicherheit gelingen?
Dazu gehört, dass die Mitarbeiter ein stärkeres unternehmerisches Bewusstsein entwickeln und wissen, was wie wichtig ist. Außerdem lassen sich Sicherheitsstufen festlegen, etwa durch unterschiedliche Logins. Diese kann man wie einen Kern aufbauen, der mehrere Ringe hat. Heute wird teilweise vieles gesichert, was meiner Meinung nach lächerlich ist. In den USA sind Unternehmen viel offener, sie teilen ihre Ideen mit anderen und bekommen wertvolles Feedback. Wenn ihre Idee erst einmal draußen ist, müssen sie sich natürlich beeilen. Das führt aber auch dazu, dass vieles schneller umgesetzt wird als hierzulande.

Auf welche Änderungen müssen wir uns in unserer Arbeitswelt im Jahr 2037 einstellen?
Bisher haben wir immer noch das Schema der Industriekultur, also das Fließband, übersetzt auf das Bürogebäude, in dem die Aufgabe oder das Projekt praktisch wie am Fließband durchgereicht wird. Sogar das Bürogebäude selbst mit seiner Rasterfassade bildet diese Denkweise und Hierarchie ab – die Chefs oben, die Angestellten unten –, das ist Industriekultur pur. Einer meiner Kunden in der Schweiz, ein Real Estate-Unternehmen, ist davon überzeugt, dass wir Bürogebäude in 20 Jahren gar nicht mehr an Bildschirmarbeitsplätzen ausrichten werden. Vielmehr werden wir Begegnungszonen schaffen und gestalten. Wir werden nicht mehr Abläufe organisieren, die sind nämlich durch die Digitalisierung schon automatisiert. Wir müssen in Zukunft Begegnungen, gegenseitiges Lernen und Zusammenarbeit – also Beziehungen – gestalten. Der Real Estate-Kunde sagt, dass es für ihn sehr wichtig sei, dass die Leute weiterhin ins Büro kommen, weil dort der Austausch über die physische Ebene stattfindet. Gerade in der Projektarbeit müssen sich die Teammitglieder buchstäblich ein bisschen miteinander anfreunden. Daher ist es wichtig, emotionale Faktoren mit in diese Büroplanung einzubeziehen.

Wie lässt sich das bewerkstelligen?
Beispielsweise lassen sich Umgebungen für informelle Begegnungen schaffen, indem man sich aus anderen Bereichen bedient, etwa den Lounge-Charakter der Gastronomie und Hotellerie aufgreift. Die Hauptaufgabe des Büros ist es doch, eine Beziehung herzustellen, die eine gute Arbeitsatmosphäre schafft! Diese finden viele Mitarbeiter heute erst im Coworking Space oder ganz einfach im Coffeeshop.

Das klassische Büro hat also ausgedient?
Ich glaube, dass das Büro seinen Vorsprung nur behalten kann, wenn es eine sogenannte Blended-Learning-Umgebung schafft, in der man mit Tools und Techniken wie Augmented Reality die physische Zusammenarbeit erweitern kann. In den USA nennt man dies „immersive experience“. Architekten tauchen buchstäblich in das Gebäude ein und sprechen dort gleichzeitig mit dem Statiker und dem Techniker. Alles kann mit allen Beteiligten gleichzeitig geplant, diskutiert und gestaltet werden. Das Büro der Zukunft muss die Tools, die diese Gleichzeitigkeit bieten, vorhalten (beispielsweise über Büroprogramme über die Cloud wie Office 365 der Telekom). Das Zweite ist, dass wir nicht mehr den Ablauf haben werden wie am Fließband, also von einer Abteilung in die nächste, sondern dass wir alle gleichzeitig interagieren können in dem Projekt, das ändert auch die Bürostruktur. Es wird künftig bei der Bürogebäudeplanung viel mehr Begegnungsräume und medienintensive Räume geben. Der Bildschirmarbeitsplatz ist nicht mehr das Maß aller Dinge, weil man die Daten nicht mehr eingeben muss, sondern sie überall und auf allen Projektionsflächen beziehen kann. Das Büro, wie wir es heute kennen, wird total infrage gestellt.

Wie sieht es mit der Ausbildung der Zukunft aus, in der vieles automatisiert ist. Wer hat da die besten Chancen?
Heute denkt man noch, mit BWL oder Jura hat man die besten Berufsaussichten. Tatsächlich lässt sich in diesen Bereichen schon heute vieles automatisieren, etwa im Controlling oder bei juristischen Recherchen. Die Berufe mit Zukunft sind neben hoch spezialisierten ITlern alle, die stark zwischenmenschlich und psychologisch geprägt sind. In interdisziplinären Teams werden künftig die ITler und Physiker enger mit Designern und Geisteswissenschaftlern zusammenarbeiten, um die Entscheidungswege der Algorithmen menschenzentrierter und ethischer auszurichten. Im März habe ich im Silicon Valley die jungen Nerds in den Digitalunternehmen gesehen. Sie kommen direkt von Stanford und sitzen in sehr teuren Bürogebäuden und werden richtiggehend verwöhnt. Sie arbeiten alle an Machine Learning und Deep Learning. Das sind die Jobs, mit denen man in Zukunft Geld verdienen kann.

Wenn viele Berufe durch die Automatisierung wegfallen, welche Folgen wird dies haben?
In einer Studie geht beispielsweise die Oxford University davon aus, dass wir 50 Prozent der Jobs, die es heute gibt, in Zukunft nicht mehr brauchen. Diese werden automatisiert sein und von Robotern erledigt. Es werden aber neue Jobs entstehen, die wir aber erst mal erfinden müssen. Durch Vernetzung und Plattformen kann sich künftig jeder Einzelne so professionalisieren, wie es bislang nur Unternehmen vorbehalten war, und neue Erlösmodelle kreieren. Wie heute schon die Blogger können sie Geld verdienen, wenn sie einen bestimmten Lifestyle treffen und eine hohe Zahl an Followern haben. Das birgt neue Einnahmemöglichkeiten. Problematisch ist, dass wir immer noch falsch ausbilden. In der Schule gibt es noch immer kein Fach, das unternehmerisches Denken lehrt. Das ist aber wichtig, wenn wir in Zukunft zum Lebensunternehmer werden und Verantwortung übernehmen wollen.

Weiterführende Links zum Thema

Trendforscherin Birgit Gebhardt: „Die nächste Generation braucht das Büro nicht mehr“

Mobiles Arbeiten: Die neuen Digitalnomaden